REISSIG UND VÖLKER MÜSSEN REDEN (5)

– Heimatdrogen im Mutterleib

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe folgten Rising Reißig (Arzt, Vater, Gastwirt und Leibesfrucht) und Timm Völker (Musiker, Sohn, Patient und Leibesfrucht) einem äußeren Drang und wagten sich ganz nach oben auf ein Dach in Plagwitz. Sie nahmen auf einem NVA-Hocker und einem alten Gartenstuhl Platz und bemühten sich sehr am Thema der aktuellen Ausgabe dran zu bleiben und gegen ihren Drang Phantasmagorien zu bilden anzukämpfen. Ob es ihnen diesmal gelungen ist, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsauschnitt.

Tag, Außen, grauer Himmel. Ein Flachdach, 25m über den Straßen Leipzigs. Im Hintergrund die Silhouetten von Hochhäusern und Kirchen.

RR: Seit dem wir das hier machen, lerne ich auch gar keine Frauen mehr kennen. Stimmt nicht. Entschuldigung.
TV: Dafür brauchst du dich doch nicht entschuldigen..
RR: Schon angemacht?
TV: Hast du mich schon angemacht?
RR: Immer wenn ich so nah an dir dran bin, wie jetzt, weil es so kalt ist, kommt es mir vor, als ob ich schwachsinnig werde. Dann fang ich an dummes Zeug zu erzählen.
TV: reibt sich die Hände: Reißig und Völker müssen reden. Ausgabe Nummer 5. Unsere erotische Reise durch das NBL Haus…
RR: Endet in der Kälte.
TV: Findet seine Fortführung…
RR: Entschuldigung.
TV: Auf dem Dach des Hauses. Das Thema ist Heimat.
RR: Mir ist ein Haufen Tabak in den Kaffee gefallen beim Zigarettendrehen.
TV: Mischen sich da die Wirkstoffe? Ist das gefährlich? Koffein und Tabakkoin…
RR: Nikotin!
TV: Entschuldigung. Ich bin mit diesen Stoffen nicht vertraut.
RR: Na klar, da kann man sterben.
TV: Wieso?
RR: Weil Nikotin giftig ist.
TV: Wenn es sich mit Kaffee mischt?
RR lacht und zieht an seiner Zigarette: Nein, Nikotin an sich ist giftig.
TV: Was macht das?
RR: Irgendwas mit den Zellen. Hab ich vergessen. Ich hab das mal im Studium gelernt.
TV: Da fällt mir direkt auf, dass weder Kaffee noch Tabak…
RR: Aus unserer Heimat sind. Hustet. Das sind keine nationalen Nahrungsmittel.
TV: Keine nationalistischen Rauschmittel.
RR: Im Gegensatz zu Crystal (gemeint ist Methamphetamin) zum Beispiel.
TV: Crystal ist eine Erfi ndung aus unserer Heimat?
RR: Aus dem Chemiedreieck Halle – Bitterfeld – Leipzig. Das ist doch Pervitin.
TV: Panzerschokolade.
RR: So ähnlich. Der Chef von einem Professor von mir, war der Erfinder vom Crystal. Er war die letzten zwei Jahre seiner Arbeitszeit völlig durch und saß nur noch sabbernd hinter seinem Schreibtisch. Das erste Crystalopfer.
TV: So ähnlich wie Ernst Jünger, nein, wie hieß der LSD Typ?
RR: Mh, nicht Freddy Mercury, nein – Albert Hofmann!
TV: Ja! Also der hat das selber ausprobiert, ja?
RR: Nicht nur ausprobiert, konsumiert.
TV: Ist es ein üblicher Weg, dass der Erfinder einer Substanz diese an sich selbst ausprobiert?
RR: Es war so üblich unter Chemikern, Ärzten und Pharmakologen. Es gab mal einen in Leipzig, der hieß Lewin. Der behauptete von sich, dass er alle damals
gebräuchlichen Rauschmittel ausprobiert hat. Dann hat er ein Buch mit dem Titel Fantastica darüber geschrieben, wurde damit sogar Professor und wurde gefeiert und kam dafür nicht ins Gefängnis oder wurde angezeigt.
TV: Das Buch steht bei meinem Produzenten und musikalischen Kompagnon Tobias Levin im Studio. Ist das ein lustiges Buch?
RR: Es ist nach dem 1. Weltkrieg geschrieben und beschreibt in einer blumigen Sprache, wie die ganzen Lianen, Käfer und Blumensamen wirken. Es ist sehr anregend.
TV: Stark!
RR: Damals hat man hier noch Orden gekriegt, wenn man ein Privatinstitut hatte und Drogen genommen hat.
TV: Heimatliche Drogen. Was ist denn mit dem etwas weniger exzentrischen Bier?
RR: Oh ja. Um 1000 n. Chr. lebten hier Menschen, nennen wir sie mal Slawen. Dann kamen die Mönche zum christianisieren. Das musste ja hier auch gemacht werden und angeblich haben die das mit Bier gemacht, als eine Art chemische Kriegsführung. Die haben die Ureinwohner besoffen gemacht. Du kennst es vielleicht von den Indianern. Ich habe mal
in einem Ort Namens Tschatrass gearbeitet und daneben ist der Ort Kolm. Tschatrass heißt Ort abseits der Straße und in Kolm steht eine Kirche die ist 1000 Jahre alt. Da waren also Slawen und die Mönche haben ihre Kirche da hin gebaut und ihre Parties gefeiert. Wahrscheinlich haben sie die besseren Parties gemacht. Und dann wollten die Slawen zu denen.
TV: Da war es natürlich so, dass die Mönche am Einlass gesagt haben, ihr könnt gerne auf unsere Party kommen, aber nur wenn ihr unserem Verein beitretet. Anreiz zur Mitgliedschaft durch Feiern schaffen.
RR: Du spielst da jetzt auf etwas an.
TV: Weiß ich nicht.
RR: Achso. Das verraten wir nicht.
TV: Es müssen auch erotische Geheimnisse gewahrt bleiben.
RR: Wahrscheinlich war es so, dass hier gar keiner war und die Mönche sich aus Frust besoffen haben, weil sie keinen fanden, den sie christianisieren konnten.
TV: Und dann haben sie neuen Menschen gemacht.
RR: Genau so haben das die Mönchinnen und Mönche gemacht. Fortpflanzung.
TV: Vielleicht entsteht ja die Sehnsucht nach Heimat dadurch, dass wir alle unserer ursprünglichen Heimat entrissen werden, sobald wir den Leib  unserer Mutter verlassen.
RR: Das ist ein Argument der feministischen Diktatur. Das finde ich nicht gut. Weil dagegen kann man ja gar nichts machen. Das ist ein Totschlagargument, ein Geburtsargument.
TV: Basikalisch dasselbe. Es kommt darauf an in welcher Dimension du dich befindest. Aber, warum sagst du, es ist ein Argument des feministischen Diktats? Ich denke, da wir alle zwangsläufig unserer
Heimat, dem Mutterleib entrissen werden, wird der Begriff obsolet. Denn in die Leiber unserer Mütter können wir nicht zurück.
RR: Da würden wir ersticken.
TV: Würden wir das?
RR: Ich denke schon. Denn Babies im Bauch werden ja wie Taucher über eine Leitung mit Sauerstoff versorgt.
TV: Da ist Wasser in den Lungen.
RR: Nein, die Lunge ist nur abgeklemmt.
TV: Wie bekommen wir dann Luft?
RR: Über das Blut der Mutter. Das geht über die Nabelschnur ins Herz und das verteilt den Sauerstoff im ganzen Körper.
TV: Woher weiß denn das Kind, wann es Anfangen muss zu atmen? Schon im Geburtskanal oder erst wenn es ganz raus ist?
RR: Der Geburtskanal ist ungefähr 9cm groß, weitet sich auf 11cm. Da wird man dann durch gequetscht, der Brustkorb wird zusammengedrückt und dann kehren sich dir Druckverhältnisse über Klappen im
Herzen um und das Blut wird in die Lunge des Kindes gedrückt.
TV: Krass ausgetüftelt.
RR: Basikalisch nur Physik.
TV: Und dann fängt das Kind an zu schreien, weil es die Luft atmen muss. Es ist empört, weil es jetzt einer neuen Heimat ausgesetzt ist, obwohl der Mutterleib
viel besser ist.
RR: Du hast immer die Empörung auf den Lippen, wenn es um die Geburt geht.
TV: Man wird nicht gefragt, ob man überhaupt leben will, man kriegt eine Heimat, obwohl man keine will. Da kann man schon empört sein.
RR: Und dann aus Rache an der eigenen Geburt neue Kinder machen. Das ist eine These von mir, die erklärt, warum es überhaupt Kinder gibt. Mir fällt gerade auf, dass es eine patriarchale Diktatur ist. Denn ohne die Erbinformation des Vaters – kein
Kindesherstellung. Naja, die Mütter haben auch Erbinformation.
TV: Und sie tragen die Kinder aus.
RR: Das machen sie ja gern. Denn sie kriegen ja dafür körpereigene Drogen zur Verfügung gestellt, die ihnen das Gefühl geben, dass das eine gute Sache sei.
TV: Heimatdrogen des Mutterleibs.
RR: Das können wir doch mal festhalten auf unserer erotischen Reise: Drogen kommen von der Mutter.
TV: Von Mutter Erde. Und Vaterland versucht mit heimatlichen Drogen die Menschen für sich zu gewinnen. Aber kommt natürlich gegen den Real Stuff nicht an. Wir sollten uns dem Matriarchat beugen.
RR: Es gibt ja auch viele Völker, die sagen gar nicht Vaterland sondern Mutterland. Unsere sowjetischen Freunde zum Beispiel. Ich bin ja in einem  Satellitenstaat der SU aufgewachsen.
TV: Und wie war es dort mit dem Heimatbegriff?
RR: Den gab’s da nicht. Der Sozialismus war expansiv. Wir sollten die ganze Welt erobern, wir waren flexibel und international.
TV: Heimat ist also wieder ein vom Kapitalismus erschaffenes Konstrukt, um regionale Drogen und andere Produkte an die Menschen zu bringen.
RR: Eine Verschwörung der Trachtenhersteller.
TV: Ich weiß, dass es in Bayern eine Trachtentradition gibt und an dem Künstler Sven Glatzmaier sieht so ein Jopperl auch ziemlich schnittig aus. Aber wenn ich mich hier umschaue, sehe ich wenig Leute in sächsischer Tracht. Wie sieht eine sächsische Tracht überhaupt aus? Dederon-Schürze?
RR: Ich glaube schon. Die Schürzen und die bunten Arbeitshemden und blauen Arbeitsanzüge. Das war die Tracht meiner Heimat. Hier wurde nämlich gearbeitet und nicht gequatscht. Gearbeitet, gesoffen und erotisiert.
TV: Erotisieren und arbeiten?
RR: Laut einer Untersuchung hat sich der Großteil der Liebenden auf der Arbeit kennengelernt. Wie wäre es denn, wenn wir einen Laden für Leipziger Arbeiter-Trachten aufmachen?
TV: Du hast ja noch ein paar dieser Hemden. Am besten lassen wir für diese Ausgabe ein Foto von uns machen, auf denen unsere sehnigen Proletariats-Leiber von diesen Hemden geschmückt werden. Hat
man diese Trachten eigentlich auch mit Stolz getragen, wenn man woanders hingefahren ist?
RR: Es gab keinen Grund woanders hinzufahren. Da war ja eine Mauer drum rum. In der Heimat bleibt man ja. Der mittlere Heiratsradius in der DDR waren 40 Kilometer.
TV: Wenn wir jetzt heiraten würden, wären das 30 Kilometer.
RR: Im guten DDR-Mittelmaß also. (Kirchenglocken
läuten) Hat Heimat eigentlich was mit Heirat zu tun? Ist das eine Heimaterzeugungsmaschinerie?
TV: Ja. Denn wenn der Heiratsradius klein bleibt, verdoppelt sich das Heimatsgefühl mit jedem in der Region von regionalen Menschen erzeugten neuen Menschenkind.
RR: Ich habe schon immer überlegt, warum die Kinder eigentlich immer in der Mutter hergestellt werden müssen. Es wäre doch interessant gewesen, wenn die Evolution uns einen Rollkoffer gegeben hätte, in dem wir die sich entwickelnden Kinder hinter uns herziehen könnten. Viele Tiere stellen ihre Nachkommen ja auch irgendwo her, aber nicht in sich selbst. Aber vielleicht ist es so wie es ist, genau richtig und der Beweis der Heimatlosigkeit des Menschen.
Klingt komisch oder?
TV: Gar nicht! Es ist der Beweis dafür, dass sich jeder selbst den Begriff aneignen kann, wenn er oder sie einem neuen Menschen in seinem oder ihrem Leib eine Heimat gibt.
RR: Und vor allem kann man mit dem Kind herum laufen. Stell dir vor: 9 Monate Schwangerschaft. Du kannst pro Tag, wenn du nicht allzu schnell läufst, 10 bis 15 Kilometer zurücklegen. 9 Monate sind 270 Tage. Also kannst du in einer Schwangerschaft knapp 2700 Kilometer weit laufen. Also von Leipzig bis zum Nordkap zum Beispiel.
TV: Und damit den Heiratsradius erhöhen.
RR: Moment! Das ist dann der Geburtsradius. Ein Geburtsradius von 2700 Kilo metern.
TV: Jetzt verstehe ich. Heimat verweigern, Kinder machen und mit denen weglaufen. Im Hintergrund ist ein weinendes Kind zu hören