Interview “Über Politik, Religion und Fussball redet man nicht“

– ein Interview mit der brasilianischen Künstlerin Bárbara Telles Vieira über Gewalt, Kunst und Idiotie in Brasilien.

Ja, es ist möglich: Du gehst einen knappen Kilometer durch den kalten Regen und erfährt aus erster Hand etwas über die Zustände am anderen Ende der Welt. Wer sich bis sich bis jetzt noch nicht damit beschäftigt hat, was zur Zeit in Brasilien geschieht, dem bietet sich mit nachfolgender Unterhaltung eine Chance.

Standort West (SOW): Du studierst seit 2 Jahren Medienkunst in der Klasse von Helmut Mark an der HGB in Leipzig. Gerade wart ihr auf Exkursion in deinem Heimatland Brasilien. Wo genau?
Bárbara Telles Vieira (BTV): Wir waren zuerst vier Tage in São Paulo, wo ich her komme und dann drei Tage in Rio de Janeiro.
SOW: Warum habt ihr Brasilien als Ziel gewählt?
BTV: Die Biennale findet dieses Jahr in Sao Paolo statt, das ist eine der wichtigsten Kunstausstellungen Südamerikas. Wir haben brasilianische Künstler in ihren Ateliers getroffen und Galerien besucht und versucht eine andere Perspektive zu bekommen, als die in der Kunstwelt sehr dominante eurozentristische Sichtweise. Das war der Hauptgrund unserer Reise. In der Klasse wurde dann aber auch darüber diskutiert, was es eigentlich bedeutet, wenn wir nach Brasilien fliegen, um eine Biennale zu besuchen, wenn sich das Land in einem
extremen politischen Zustand ganz kurz vor einer Diktatur befindet.
SOW: Welche Unterschiede hast du bemerkt, als du durch die Straßen gegangen bist im Gegensatz zur Zeit deiner Kindheit?
BTV: Als ich klein war, sagte man: »Über Politik, Religion und Fussball redet man nicht.« Das sind drei polarisierende Themen und man respektierte es, wenn jemand eine andere Meinung dazu hatte, als man selbst. Dieser Umgang miteinander war nicht gut – eine Art Unterdrükkung, aber es wurde so gemacht, damit man sich nicht dauernd streitet, vor allem mit Leuten die man mag. Und jetzt reden alle fast nur über Politik. Die Krise, die Brasilien zur Zeit erlebt, ist nicht nur eine wirtschaftliche sondern eine Identitätskrise. Sie ist sehr lange unterdrückt worden, aber bricht sich jetzt Bahn. Vor der Wahl Bolsonaros haben sich die Leute nicht getraut,
ihre Meinung so deutlich kund zu tun. Leute sterben wegen dieser Wahl, wegen dem daraus entstehenden Diskurs. Brasilien war immer krass, immer gefährlich. Ich hatte das Glück, als Weiße in einer privilegierten Position zu sein. Die Mehrheit, die verfolgt und ermordet wird ist nicht weiß. Diese Wahl hat gesellschaftliche Diskussionen extrem polarisiert. Ich denke nicht dass Brasilien rassistischer, homophober und sexistischer geworden ist. Es war immer extrem. Der Unterschied ist nur: jetzt darf man drüber reden.
SOW: Überrascht es dich also nicht, dass der rechtsextreme Faschist Jair Bolsonaro Präsident geworden ist?
BTV: Ganz ehrlich, die Mehrheit wusste bis 2016 nicht wer Bolsonaro ist. Er ist berühmt geworden, als er im Rahmen einer Fernsehsendung zur Zeit der Absetzung von Präsidentin Dima verherrlichend über Foltermethoden aus der Zeit der Diktatur geredet hat. Und nach der Wahl war ich überrascht. Aber dann habe ich mich ganz schnell sehr naiv gefühlt. Ich dachte, der Typ ist so ein Idiot, es ist unmöglich das er gewinnen kann. Er war auch politisch ein Unbekannter.
Als ich aber etwas logischer darüber nachdachte, war sein Sieg nicht mehr so überraschend für mich. Wenn man sich darüber
im Klaren ist, dass Brasilien das Land ist, in dem die meisten homosexuellen und transsexuellen Menschen weltweit getötet
werden und es auch eines der Länder ist, wo es sehr schlimm ist, als Frau zu leben und man realisiert wie der Staat  überhaupt organisiert ist und wie sehr Korruption unser Handeln beherrscht, dann macht es Sinn, dass er gewonnen hat. Dieses Spiel lief schon seit vielen Jahren. In Brasilien gehören alle Fernsehender, Radios und Zeitungen fünf  Familien, die während der Diktatur an der Macht waren und die Militärs von damals trainieren immer noch die Polizei.
Im Gegensatz zu Brasilien gibt es viel mehr Geld in Deutschland. Und dieses Geld wird in die Bildung der Kinder investiert, damit sie ein wenig über die Geschichte lernen.
Das gibt es in diesem Ausmaß in Brasilien nicht. Deswegen ist es viel leichter die Leute über Fernsehen zu manipulieren. Ein
Beispiel: Die Berichterstattung war stets gegen die PT (Partido dos Trabalhadores – die Mitte-Links Partei in Brasilien)  ausgerichtet. Seit 12 Jahren herrschte sie und hat absolut keine linke Politik gemacht. Bolsonaro kriegt Sendezeit und sagt dass die PT eine kommunistische Diktatur errichten würde, wenn man ihn nicht wählt. Wer das glaubt, muss wirklich dumm sein oder es so wollen. Die Leute wollten eine patriarchalische
Erlöser-Figur. Und jetzt haben sie sie.
SOW: Wie erleben d deine Freunde und Verwandte die Entwicklungen vor Ort?
BTV: Mein Vater, die Person mit der ich am meisten verbunden bin, war sehr traurig. Er ist absolut links und hat schon in der
Militär-Diktatur gelebt, hat Freunde in dieser Zeit durch Folter verloren. Das war seine Realität für mehr als zwanzig Jahre.
Er hat sein ganzes Leben für ein besseres Bild der brasilianischen Kultur gearbeitet. In Brasilien denken die Menschen, alles was von außen, USA oder Europa, kommt ist besser, als das was sie selbst machen. Die Musik, die Kunst. An diesem Selbstbild wollte er etwas ändern und hat als Regisseur Dokumentarfilme über brasilianische Musiker gemacht. Jetzt denkt er: Ich habe mein ganzes Leben für ein besseres
Brasilien gearbeitet und nun stehen wir wieder vor einer Scheiß-Diktatur, wo alles unterdrückt wird. Er kann sehr impulsiv sein. Ich habe Angst, dass er auf der Straße in eine Diskussion mit Bolsonaro- Anhängern gerät und verprügelt wird. Ich habe ihn auch gefragt, ob er herkommen und bei mir wohnen will. Aber er weiß nicht, ob er das Land für das er so
lange gekämpft hat verlassen kann. Auf der anderen Seite fragt er sich, ob er zwei Diktaturen in seinem Leben ertragen muss und vielleicht auch aus der Ferne etwas für Brasilien tun kann. Er ist noch unentschlossen. Meine Freunde, die Mehrheit ist homosexuell, haben extreme Angst, denn es gibt Gruppen, die glauben, jetzt mit Erlaubnis Bolsonaros Homosexuelle jagen und töten dürfen. Ein Freund hatte einen
riesigen Streit mit seiner Mutter und darf ihr Haus nicht mehr betreten. Leute verlassen ihre Arbeit, weil die Chefs nur Scheiße über Politik labern. Als ich dort war, sagte eine Freundin zu mir: »Weißt du, warum es so cool ist, dass du hier bist?« Ich fragte: »Wieso?« und sie meinte: »Weil ich mit dir über etwas anderes reden kann, als über Bolsonaros Politik.« Ich selbst war mit meiner Mutter in einer Bäckerei und ein Mann fing ein Gespräch mit uns an. Als ich sagte, dass ich aus Sao Paolo bin aber jetzt in Deutschland lebe und auch vor habe dort zu bleiben, verstand er das nicht. Seiner Meinung nach würde Brasilien jetzt richtig schön, weil Bolsonaro endlich aufräumt. Ich wollte nur ein fucking Brötchen! Die Leute wollen keinen Dialog. Immer wenn du einen Bolsonaro-Fan hörst, wird er dich bekehren wollen und wenn du opponierst, fängt er an dich zu beschimpfen und aggressiv zu werden. Und deshalb muss man vorsichtig sein. Ich fuhr mit einer Freundin im Taxi und sie hat etwas ganz leicht politisch kommentiert und der Taxifahrer, der bis dahin kein Wort gesagt hat, fing an sich mit uns zu streiten. Wir kamen nicht von dem Taxi los, weil er uns erklären musste, wie beschissen wir seien und Bolsonaro die Lösung für alle Probleme der Welt sei.
SOW: Verspürst du, nachdem du dort warst, das Bedürfnis, als Künstlerin darauf zu reagieren?
BTV: Ich bin noch nicht soweit, sagen zu können, was ich machen werde. Aber ich habe in den letzten Monaten die ganze Zeit darüber nachgedacht, auch wenn ich im Atelier bin und arbeite. Ich habe bereits eine Malerei-Serie gemacht, die sich mit der Ermordung von Trans-Frauen beschäftigt. Diese Menschen werden ermordet und man findet ihre Körper in  der Natur wieder. Davon werden Fotos gemacht, die im Internet oder Zeitungen veröffentlicht werden. Und es ist sehr bezeichnend für die brasilianische Gesellschaft, wie die Körper auf den Fotos dargestellt werden und wie viele es gibt. Denn es werden sehr viele Frauen getötet. Ich habe diese Fotos genommen und bemalt. Das Thema war schon vor der Wahl für mich wichtig, denn dieser Zustand ist nicht neu. Deswegen
denke ich, dass meine Arbeit immer politisch ist.
SOW: Fühlst du dich von deiner Position hier in Deutschland aus verpflichtet, etwas für Brasilien zu tun?
BTV: Na klar. Ich fühle mich schon seit langem so und alle sollten so fühlen. Ich weiß, dass es eine privilegierte Position ist und ich merke, dass ich obwohl ich nicht dort bin, doch helfen kann. Wenn ich zum Beispiel hier mit Leuten darüber rede, die überhaupt nichts über diese Zustände wissen. Oder wenn ich über schöne Dinge rede, wie brasilianische Kunst.
SOW: Ist es denn aus künstlerischer Sicht lohnenswert, sich an einem Feindbild ab zuarbeiten und sich damit in eine RE-agierende Position zu begeben oder sollte man seine Energien besser in neue Ideen stecken, um den Menschen zu zeigen, dass eine anderer Weg möglich ist?
BTV: Beides ist gültig. Eine neutrale oder positive Position zu finden, ist einfacher, wenn es nicht deine Familie ist, die zusammengeschlagen wird oder du in einer Region wohnst, wo jeden Tag Leute vor deiner Haustür sterben. Aber das ist Brasilien, das ist Rio de Janiero, das ist São Paulo, das ist Nordbrasilien. Das ist eine Dimension, die dich beeinflusst. Da sterben so viele Leute, wie im Krieg. Und deshalb verstehe ich auch, wenn man sich mit Wut gegen etwas positioniert und halte es für notwendig.
Es wird aber auch positiv reagiert. Im Moment gibt es extrem viele Künstler die Trans-Personen oder Drag-Queens sind und bewusst in Brasilen bleiben. Sie sagen: » Es ist nicht mein Problem, wenn ich euch störe. Ich werde einfach leben und glücklich sein und fi ckt euch. « Und das ist eine große Hilfe für Leute, die ein positives Bild brauchen, um überhaupt überleben zu können. Das wichtigste ist, dass man sich mit der
Sache beschäftigt, egal auf welche Weise.

Bárbara Telles Vieira stammt aus São Paulo, Brasilen, wo sie einen Bachelor of Fine Arts unter der Leitung des Küsntlers Artur Lescher abschloss. Parallel zu ihrem Studium nahm sie Unterricht bei Dudi Maia Rosa und Carlos Fajardo. Seit 2015 lebt und arbeitet sie in Deutschland.