Der Stoff, aus dem die Träume

Dieses Mal wird alles besser mit dem Interview! Habe ich mir zumindest vorgenommen. In der letzten Ausgabe – dem aufmerksamen Leser »Genderstar plus Gendergap« wird es nicht entgangen sein – habe ich mich ja, still und heimlich, ganz um diese ehrenvolle Aufgabe gedrückt.

Zu meiner Verteidigung möchte ich zumindest vorbringen, dass es sich bei der Erstellung eines Interview-Beitrages wirklich um einen enorm hohen Arbeitsaufwand handelt. Namentlich geht es darum, stundenlange Gesprächsaufnahmen nach relevanten Versatzstücken zu durchforsten und ebendiese gewissenhaft zu transkribieren und gegebenenfalls literarisch aufzuwerten. »Bäh« Dazu muss Mensch zumindest in Stimmung sein, finde ich. Von den organisatorischen Finessen rund um das eigentliche Interview-Gespräch, welches es am Ende zu transkribieren gilt, möchte ich lieber in Gänze schweigen. Aus dieser Vielzahl
von Gründen entschied ich mich diesmal wohlweislich für ein Email-Interview. Wenn sich die gewählte Interviewpartnerin
obendrein noch in einem anderen Land befindet, wird mein gewähltes Vorgehen zunehmend einleuchtend. Der  offensichtliche Nachteil? Das Email-Produkt wirkt im Vergleich mit dem real geführten Gespräch meist etwas holzig. Zum Glück hatte ich eine interessante und aufgeschlossene Interviewpartnerin, die sich obendrein die Zeit genommen hat, auf meine interessierten bis albernen Fragen liebevoll einzugehen. Dabei habe ich wieder was gelernt über mich, über die Welt, über Kunst und über Leidenschaft und natürlich über Stoff.

SOW: Hey Marie-Charlotte wie geht es Dir? Es war nett, neulich mit Dir zu telefonieren. Bist Du gerade in Spanien oder
in Frankreich und noch viel wichtiger: Warum eigentlich?
Marie-Charlotte: Hi, Patrice, in Spanien habe ich noch nie gelebt, deshalb kann ich nur gerade in Frankreich sein! Um
präziser zu sein, ich befinde mich in Dijon, wo ich wohne und arbeite.
SOW: Offenbar hast Du auch einen Bezug zu Leipzig. Wie würdest Du Dein Verhältnis zur Stadt beschreiben?
Marie-Charlotte: Mein Verhältnis zu dieser Stadt ähnelt gewissermaßen einer Liebesgeschichte. Deswegen bin ich nach Leipzig gezogen, und am Ende bin ich für drei Jahre geblieben. Mir hat die einzigartige Stimmung im Kiez immer besonders gut gefallen. Wenn ich in meine Erinnerungen durchforste, türmen sich Backsteinfassaden vor meinem geistigen Auge oder ich spaziere gedanklich durch den Auenwald – zusammengenommen das perfekte Dekor. Die Leute, die ich traf, waren sehr offen und es schien mir so, als interessierten sich alle für alle möglichen Richtungen von Musik, Kunst oder Schriftstellerei. Das hat mich sehr
angesprochen.
SOW: Wie bist Du eigentlich darauf gekommen, Deine Arbeiten im Subbotnik auszustellen?
Marie-Charlotte: Eigentlich war es die Idee von meinem Freund Lothar Fritsche. Der ist übrigens Stammkunde bei euch.


SOW: So so.
Marie-Charlotte: Wir haben zusammen die Abendakademie an der HGB besucht. Eines Abends im Spätsommer saßen wir zusammen im Subbotnik und haben Bier getrunken. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt muss mir die Idee gekommen
sein.
SOW: Wen möchtest Du mit Deiner Ausstellung erreichen und was versprichst Du Dir eigentlich davon?
Marie-Charlotte: Ich denke, dass ich zumindest alle Menschen die ich in Leipzig kenngelernt habe erreichen möchte. Ganz egal, ob sie nun Künstler sind oder nicht. Aber noch viel  wichtiger ist es mir, einen schönen Abend zu haben – ganz so
wie früher. Aber natürlich sind auch alle anderen interessierten Menschen, herzlich eingeladen, zur Vernissage zu kommen.
SOW: Wie würdest Du Deine Objekte, respektive Arbeiten beschreiben? Handelt es sich um Figuren oder um Landschaften? Geht es mehr um Malerei oder erschaffst Du Skulpturen?
Marie-Charlotte: Mir geht es um Malerei. Im Grunde genommen um Farbe. Meine Arbeiten sind eher poetisch
intendiert und ihrer Ausgestaltung oft abstrakt – wobei nicht alle meine Arbeiten abstrakt sind. Letztendlich sind sie narrativ. Auch die Titel meiner Arbeiten spielen für mich eine große Rolle. Ich habe wieder an die Malerei angeknüpft, als ich nach Deutschland kam. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass ich einen Weg gesucht habe mich auszudrücken. Es ist nicht immer einfach sich mitzuteilen, wenn sich im Kopf  verschiedene Sprachen miteinander mischen. Am Ende hat es mir geholfen, diese Verschiebungen zu verkraften, denke ich.
Heute ist die Malerei so etwas wie meine eigene Sprache beziehungsweise Ausdrucksform geworden.
SOW: Woran arbeitest Du Dich thematisch ab oder anders gefragt: Wie kamst Du zu Deinen Themen und warum sind es gerade diese Themen, die Dich in Deiner künstlerischen Arbeit umtreiben?
Marie-Charlotte: Mein Alltag, meine Umwelt definieren meine Arbeiten. Vor kurzem, also im Juli, nahm ich an einer Kunstresidenz im Benin teil. Die Arbeiten, die ich im Subbotnik präsentiere, sind mit der Verwendung der  Baumwolle und dem Wax-Stoff, den ich aus Afrika mitgebracht habe, entstanden. Ich habe mich während der Residenz intensiv mit verschiedenen Stoffen beschäftigt.
SOW: Klingt interessant. Erzähl doch mal.
Marie-Charlotte: Die Wax-Geschichte ist eine richtig komplexe Angelegenheit. Was wir Westeuropäer heute als typisch afrikanisches Stoffe bezeichnen, sind in der Regel Relikte des Kolonialismus genauer wurden die Stoffe und Muster durch die Holländer nach Afrika importiert. Dabei ist Wax noch heute überall auf den Strassen in Cotonou zu sehen. Ich finde solche Verschiebungen höchst interessant. Zum Beispiel habe
ich in Cotonou einen kleinen Jungen mit einem alten T-Shirt gesehen auf dem stand: Ferienlager, 2012, Bayern! Dabei ist Benin einer der größten Baumwollexporteure… und ein kleiner Junge trägt unseren Klamottenmüll. Bemerkenswert oder nicht?
SOW: Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Stoff – im Sinne von Textilien – skizzieren? Was stimmt eigentlich nicht mit Leinwänden?
Marie-Charlotte: Stoff hat im Allgemeinen eine sehr intime Resonanz für mich, aber auch universell gesehen. Jeder trägt ihn am Körper. Stoff hat für mich einen direkten Bezug zur Malerei. Er hat die Fähigkeit Dinge sichtbar zu machen und sie zu verstecken. Darüber hinaus habe ich mir auch oft die Frage gestellt, was die Art und Weise ausmacht, in der wir uns  kleiden. Die Frage berührt auch den Konnex der Individualität, also mehr die Frage ob wir tatsächlich so individuell sind, wie viele von uns vielleicht glauben. Auch das Geschäft mit Stoff interessiert mich. Die Textilindustrie ist eine der umweltverschmutzendsten Industrien auf diesem Planeten. Das Ding mit den Leinwänden, ist einfach: Sie sind mir zu schwer. Ohne Rahmen ist es leichter meine Arbeiten zu transportieren, und es ist obendrein möglich, direkter mit dem
Material zu arbeiten.
SOW: Nutzt Du noch andere, weithin als Kunst deklarierte Ausdrucksformen als die Malerei, das Design – oder wie auch
immer Mensch es nennen möge – was Du tust? »Jetzt wo ich den ganzen Wust an Satz ausgeschrieben habe, merke ich, dass ich mich auch einfach der Formulierung ‚Erschaffen von Objekten‘ hätte bedienen können. Sei es drum!«
Marie-Charlotte: Nein, es ist OK. Kein Problem. Ich habe mich in letzter Zeit vermehrt mit Keramik beschäftigt. Letztes Jahr dürfte ich in einer französischen Fachschule in Burgund die Arbeit mit Keramik für mich entdecken.
SOW: Machen wir im letzten Drittel noch ein bisschen Homestory. »Achtung sanfte Überleitung« Stellst Du öfter in anderen Ländern aus? Ist das nicht ein Haufen Orga-Stress?
Marie-Charlotte: Es wird zum Beispiel das erste Mal in Deutschland sein. Aber du hast Recht, Du musst Dich schon ganz schön organisieren, vor allem, wenn Du Mutter bist.
SOW: Reist Du eigentlich viel? Gibt Dir das was?
Marie-Charlotte: Nicht so oft. Ich reise entweder nur um Freunde zu sehen oder um zu arbeiten. Was mir am Reisen am besten gefällt, ist, wenn ich beides kombinieren kann. So wie zum Beispiel zu der Vernissage im Subbotnik.
SOW: Das Thema dieser Ausgabe ist lustiger Weise Heimat. In Deutschland ist das irgendwie die ganze Zeit Thema. Gleichzeitig ist Heimat hierzulande ein, gelinde gesagt, extrem schwieriger Begriff. Bei Dir zuhause auch? Steht da zum Beispiel einer nach dem dritten Bier auf, um öffentlich zu bekunden: Ah! Meine Heimat ist schon geil? Woran musst Du bei dem Wort Heimat denken?
Marie-Charlotte: Heimat ist immer ein schwieriger Begriff. Es ist auch wahnsinnig schwierig zu beschreiben, was genau Heimat für mich bedeutet oder wo das genau ist, so eine Heimat. Vielleicht sollte eine Heimat dort sein, wo ein Mensch sich wohl fühlt. Dann gibt es vielleicht verschiedene Orte die Heimat sind. Vielleicht sollten wir uns lieber fragen: Wer ist Heimat und bei wem?
SOW: » Schon zu diesem Zeitpunkt des Email-Interview ahne ich, dass ich Deine Antwort interessant finden werde. Ich schiebe deshalb etwas Ähnliches hinterher « Aus dem Heidegger-Tutorium weiß ich, dass es im Französischen keine adäquate Übersetzung für das Deutsche Wort Leidenschaft gibt! Wie gehst Du damit um?
Marie-Charlotte: Da erzählst Du mir was Neues! Doch, ich beschäftige mich auch viel mit Semantik. Wusstest Du, dass es keine adäquate Übersetzung für das deutsches Wort  Feierabend gibt? Ich kann Dir gar nicht sagen, was ich misslicher finde.
SOW: Sag mal: Wenn Du die Möglichkeit hättest, egal was zu tun. Was würdest Du tun? »Keine Sorge Charlotte, wir sind ja unter uns«
Marie-Charlotte: Jetzt würde ich gerne einen Mittagsschlaf machen.
SOW: Sick! Wieso in alles in der Welt würdest Du so etwas tun?
Marie-Charlotte: Weil es 14:42 Uhr ist und ich krank bin.
SOW: Heute haben wir den 6. Dezember. Jetzt Deine Prognose: Wie wird Weihnachten?
Marie-Charlotte: Keine Ahnung. Ich hoffe, dass sich alle  rechtzeitig mit ihren Verwandten versöhnen können.
SOW: Vielleicht zum Abschluss noch eine etwas ernstere Frage. Was bringt das neue Jahr für Dich? Hast Du Pläne?
Marie-Charlotte: Sicher ist, dass ich eine Einzelausstellung im März in Mainz haben werde. Und für den Rest, werden wir mal sehen.

Marie-Charlotte Urena lebt und arbeitet in Dijon. Am 25. Januar 2019 wird sie zur Eröffnung ihrer Austellung im Subbotnik sein.