Reißig und Völker müssen reden (4)

Das Rätsel dieser Welt

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe folgten Rising Reißig (Arzt, Vater, Gastwirt und Sohn) und Timm Völker (Musiker, Sohn, Patient) einem inneren Drang und begaben sich an einem kalten klaren Herbsttag zur Grabstätte des Dichters und Philologen Friedrich Nietzsche. Dort nahmen sie auf der bemoosten Grabkante Platz und waren wie eh‘ und je stets bemüht, am Thema der aktuellen Ausgabe dran zu bleiben und gegen ihren Drang, Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob es ihnen diesmal gelungen ist, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsauschnitt.

TV reibt sich die Hände, formt sie zu einer Kugel und pustet warme Luft hinein. Rising dreht sich eine filterlose Tabakzigarette.

Rising Reißig (RR): Na, insgesamt jetzt…Worum geht’s eigentlich? Ah, um Einsamkeit und Vermehrung. Nee.
Timm Völker (TV): Genau.
RR: Wirklich? Also hab ich mir Einsamkeit richtig gemerkt.
TV: Einsamkeit und Vermehrung
RR: Dann passte das ja vorhin wie die Faust aufs Auge.
TV: Ja, deshalb habe ich ja auch gesagt: „nicht weiter reden“.
RR: Nein! Aber jetzt kann ich schon weiter reden, insgesamt?
TV: Ja. Nun also: Reißig und Völker müssen reden, Teil 4. Unsere erotische Reise durchs NBL-Haus findet ihre Fortführung in Röcken/Sachsen-Anhalt am Grab von Friedrich Nietzsche.
RR: Der erste Aufenthalt unserer erotischen Reise unter freiem Himmel.
TV: Wir sitzen hier und sprechen über das Titelthema „Vermehrung und Einsamkeit“ auf der Fahrt im Auto, das uns dein Vater (Doktor der Anatomie) großzügig zur Verfügung stellte, hattest du die Autorin Sheila Heti aus ihrem Buch „Motherhood“ zitiert. Ich würde dich bitten, dies nun noch einmal in Anwesenheit der Leserinnen und Leser zu wiederholen.
RR: Unbedingt. Zückt sein Mobiltelefon Ich hab es abfotografiert aus dem Zeitmagazin.
TV: Naja.
RR: Das darf man nicht sagen, oder? Ist das irgendwie peinlich? Also, Sheila Heti sagt folgendes: „Und was das Verständnis des Menschlichen betrifft, ermögliche Kinderlosigkeit den Zugang zu Dimensionen, die wiederum Eltern verborgen blieben. Etwa einem sehr spezifischen Gefühl von Alleinsein.“ Da war ich dann so ein bisschen verblüfft, als ich das gelesen hab, weil, na klar, ich hab ja gar keinen Dunst davon, wie es ist, alleine zu sein. Denn als Vater sind ja immer Leute um mich rum, auch wenn sie grad gar nicht um mich herum sind.
TV: Meinst du damit, deine Kinder sind auch im Geiste immer bei dir?
RR: Ich hab ja einen Sohn, der 20 Jahre alt ist und da ist mir im Rückblick klar geworden, dass ich seit 20 Jahren nicht mehr alleine bin.
TV: Auch im Sinne von: nicht mehr nur für dich allein verantwortlich auf dieser Welt.
RR: Naja, die Verantwortung allein für mich, die konnte ich ohnehin immer nur recht unzulänglich wahrnehmen. Du hast recht, das Wort Verantwortung kam erst vor 20 Jahren in mein Leben.
TV: Da warst du 30. Ich wiederum bin gerade jetzt 30 und schlagartig mit dieser Zeitenwende wurde mein Verantwortungsgefühl höher, obwohl ich keine Kinder habe.

RR: Vielleicht haben es die ganzen Sozial-Futzis mit ihren Kindern geschafft, dich in den letzten 15 Jahren so zu erodieren, dass du denkst, du würdest jetzt dazugehören.
TV: Das kann gut möglich sein.
RR: Unser verehrter Meister Nietzsche hatte ja keine Kinder.
TV: Und denkst du, er hat trotzdem eine Verantwortung gespürt?
RR: Ich bin mir nicht sicher, da ich jetzt nicht so viel von ihm gelesen hab, weil es so schwer zu lesen ist. Aber du hast doch was mit oder?
TV: Ich lese gerade „Also sprach Zarathustra“. Da hat mich jemand drauf aufmerksam gemacht, dem ich öfter mal im Dr. Seltsam begegnete. Der hat auch eine Bundeswehr-Flecktarnjacke, bei der auf dem Namensschild „Zarathustra“ steht. Jedenfalls hab ich mir das für 1 Euro gekauft, dieses Exemplar ist 1918 in Leipzig auf Kriegspapier gedruckt worden.
RR: Ist das Papier, das anfängt zu schießen, wenn man das Buch zumachen will?
TV: Ja. Das Buch ist eine Ansammlung von Reden, die die Figur Zarathustra an ein Publikum richtet. Ich finde das bisher sehr angenehm und würde gern aus dem Kapitel „Von der Keuschheit“ zitieren.
RR: Keuschheit. Das ist ein Wort, das nimmt man heutzutage kaum noch in den Mund.
TV: Hier also spricht Zarathustra: „Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da gibt es zu viele der Brünstigen.
RR: Auch brünstig ist so ein Wort das selten auftaucht.
TV: Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu geraten, als in die Träume eines brünstigen Weibes?
RR: Cool.
TV: Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es – sie wissen nichts Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.
RR: Das ist ja…
TV: Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar noch Geist hat! Daß ihr doch wenigstens als Tiere vollkommen wäret! Aber zum Tiere gehört die Unschuld. Rate ich euch, eure Sinne zu töten? Ich rate euch zur Unschuld der Sinne. Rate ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei einigen eine Tugend, aber bei vielen beinahe ein Laster. Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit Neid aus allem, was sie tun. Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt ihnen dies Getier und sein Unfrieden. Und wie artig weiß die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu betteln, wenn ihr ein Stück Fleisch versagt wird.“*
RR: Oh là là. Das lässt auf jeden Fall schließen, dass Nietzsche keinen verschlüsselten Kinderwunsch hatte.
TV: Naja. Es geht hier wohl mehr um Keuschheit im Sinne körperlicher Enthaltsamkeit. So wie ich es sehe, verurteilt er die Keuschen, weil sie nur vorgeben, abstinent zu leben, aber um so mehr den Trieben verfallen und sich nicht aus unschuldiger Lust hingeben, sondern aus einer Lüge heraus.
RR: Die von mir vorhin zitierte Sheila Heti postuliert in ihrem Buch so eine Art neues Geschlecht all jener, die keine Kinder haben. Ein neues nietzscheanisches Geschlecht, das sich nicht fortpflanzt sondern bei sich bleibt.
TV: Meinst du, dass das die Idee dahinter ist?
RR: Bei sich sein in Reinheit und Klarheit.
TV: Ich glaube, Nietzsche verurteilt Unklarheit. Keuscheit vorgeben..

RR: …obwohl es nur eine Anmache ist.
TV: Beziehungsweise durch das Verbot Sex und Lust noch attraktiver macht. Ich meine, woher kommt das denn? Das ist doch unnatürlich. Das hat was mit der Kirche zu tun, oder?
RR: Sein Vater, der hier rechts von uns neben seiner Frau liegt, war Pfarrer. Protestantisch allerdings gilt es zu vermuten.
TV: War nicht auch eine Idee hinter der Keuschheit, den grassierenden Geschlechtskrankheiten Herr zu werden?
RR: Ich kenne Keuschheit eher aus dem Zusammenhang mit Rittern wie Parsifal, die im Minnedienst Frauen zwar angebetet aber nicht mit ihnen rumgevögelt haben. Die Idee hinter der Keuschheit war wohl, den Ritter durch Gelüste nicht vom Kampf abzuhalten. Denn stell dir vor, du bist gerade unterwegs im Morgenland und verteidigst die Pilger nach Jerusalem, musst zum Angriff übergehen und dann fällt dir plötzlich deine Liebste wieder ein. Dann zittert dein Schwert und du triffst nicht richtig. Ich vermute mal, dass, so wenig ich von ihm gelesen habe, Nietzsche wohl auch so ein Männerbild propagiert hat. Geschlechtsverkehr beschmutzt den Mann.
TV: „Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerraten: daß sie nicht der Weg zur Hölle werde – das ist zu Schlamm und Brunst der Seele. Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste. Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist, steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.“ Man soll einer klaren Aufgabe folgen und sich nicht von Dingen, die nebenher geschehen, ablenken lassen – in dem Falle rumvögeln.
RR: Aber was ist denn die klare Aufgabe?
TV: Ein interessanter Punkt. In den Jahren, die wir uns kennen, warst und bist du stets versucht, mir die eine klare Aufgabe näher zu bringen. Und diese Aufgabe ist?
RR: Der Wille zum Sieg?
TV: Ich meinte das andere. Das, was ganz gut zum Thema passt.
RR: Ach, du meinst die Fortpflanzung!
TV: Und da wären wir auch schon bei einem Widerspruch in unserem Gespräch angelangt. Einerseits sagt uns Meister Nietzsche, wir sollen klar bei unseren Aufgaben, der Herrschaft des Geistes bleiben und enthaltsam leben, das Leben aber gibt uns die Aufgabe uns fortzupflanzen.
RR: Interessanterweise sagte ja die katholische Kirche, man solle sich fortpflanzen. Das ist ja ganz wichtig. Aber man soll dabei nicht in Wolllust verfallen. Rumvögeln nur zur Fortpflanzung. Es ist schon ein etwas verwirrendes Konstrukt.
TV: Du kannst ja darüber noch etwas sinnieren, während ich kurz austreten gehe…
RR: Eigentlich wollten wir uns ja auch treffen, um auf Nietzsches Grab zu urinieren, was wir uns jetzt nicht trauen.
TV aus dem Off: Eher aus Respekt, denn aus Ermangelung an Mut.
RR: Jetzt läuft dein warmer Urin im Sonnenschein eine sehr schön verputzte Mauer herunter.
TV: Zurück zur Aufgabe: Im Unterschied zu mir, hast du deine Aufgabe auf dieser Erde erfüllt und Nachkommen gezeugt. Ich habe mich dieser Aufgabe bisher mehr recht als schlecht entzogen und habe das auch weiterhin vor. Vielleicht auch aus Angst vor Verantwortung.
RR: Vielleicht ist ja die wahre Keuschheit, Nachfahren zu zeugen. In Keuschheit, in Verantwortung sich der Aufgabe stellen. Weil: Wer wird denn Herr seiner Nachfahren? Wenn unsere Eltern, als sie uns herstellten, gewusst hätten, dass wir eines Tages am Grab von Nietzsche sitzen und uns über Vermehrung unterhalten, wer weiß, ob sie es dann noch geschafft hätten, uns zu zeugen oder ob sie nicht statt dessen in schallendes Gelächter ausgebrochen wären.
TV: Oder auch in Angst ihre Lust verloren hätten, weil sie das nicht verantworten wollen.
RR: Du guckst grad so traurig.
TV: Ich denke nach. Manchmal denken die Leute, ich sei traurig oder verärgert, obwohl ich einfach nur denke.
RR: Du guckst nach innen.
TV: Ich bin ja auch lieber mit innerlichen Dingen beschäftigt, als mit weltlichen Dingen, wie dem Zeugen von Nachkommen.
RR: Aber vielleicht ist das gar nicht so weltlich, sondern das ultimativ spirituelle.
TV: Du meinst, dass mein Geist eine Fortführung erfährt, wenn ich gemeinsam mit einer Frau einen neuen Menschen zeuge?
RR: Das wird ja ein völlig neuer Geist. Ich ahne, dass es bei Nietzsche um den Geist an sich ging, der immer wieder neu entsteht und sich aus dem Schlamm, dem Uterus und den Körperflüssigkeiten hervor kämpft. Und auch wenn es vielleicht ein Herabwürdigung des Meisters ist, wird ihm ja unterstellt, Syphilis gehabt zu haben und das deutet ja auf Geschlechtsverkehr hin.
TV: Oder kann man sich das auch ohne Geschlechtsverkehr zuziehen?
RR: Wahrscheinlich schon.
TV: Du als Arzt kannst darüber vielleicht etwas erzählen.
RR: Syphilis wird vor allem durch Geschlechtsverkehr übertragen. Es sind Bakterien, die Spyrocheten heißen. Und Jahrhunderte lang war ein Erkrankung das Todesurteil. Ich habe mal gelesen, dass im 18. und 19. Jahrhundert in jedem Haushalt Deutschlands ein Mann in einer dunklen Ecke dahin vegetierte, denn die Syphilis legt sich irgendwann aufs Gehirn und dann verblödet Mann. Das ist dann die Neurosyphilis.
TV: Und die betrifft vor allem Männer?
RR: Die betrifft auch Frauen. Irgendjemand muss sie ja übertragen. Aber es waren vor allem Männer. Weil natürlich eine Frau ganz viele Männer infizieren konnte.
TV: Vielleicht kam daher ja…
RR: Nietzsches Hass auf die Frauen als Quell der Erkrankung. Gerade auch wegen dem auf Kriegspapier gedruckten Buch: Es war ja Teil der biologischen Kriegsführung, mit Syphilis infizierte Frauen in fremde Heere einzuschleusen.
TV: Wenn wir beim Thema Krieg sind: Beim Lesen des Buches kamen mir einige Stellen sehr bekannt vor. Ich kannte die Ideen, zum Beispiel, dass der einzelne im Sinne der größeren Sache geopfert wird oder man wie wir schon feststellten, klar seiner Aufgabe folgen soll, aus dem ideologischen Apparat der Nazis.
RR: Ist aber auch eine gute Konzernoptimierungsanleitung.
TV: Ich dachte dann aber, dass in diesem Buch vor allem Weisheiten stehen. Und diese Weisheiten stehen jedem zur Verfügung. Den Nazis, den Hippies, Hesse und eben auch dir und mir. Da ist für jeden was dabei. Und letztlich regt mich dieses Buch dazu an, mir eine eigene Gedankenwelt zu erschaffen und die Kraft meines Geistes zu gebrauchen.
RR: Die aktuellen Nazis haben Nietzsche ja komischerweise noch gar nicht für sich wiederentdeckt. Vielleicht ist er ja gar nicht so kompatibel.

TV: Oder sie beziehen sich nicht auf ihn, weil die alten Nazis das schon gemacht haben und sie ihre neue Sache nicht mit der alten in Verbindung bringen möchten.
RR: Vielleicht kannst du aber auch über die Verbindung von Nietzsche und Nazis hinwegblicken wegen deinem inneren Nazi. Den, den wir alle noch in uns tragen.
TV: An anderer Stelle des Buches sagt er, man solle vom Feind nicht geschont sein, genau so wie von denen, die wir lieben. Da geht es um Hingabe.
RR: Vorhin sprachen wir ja auch schon einmal über den Willen zum Sieg. Wenn man etwas zusammen macht, die Hingabe an das Tun! Das ist meine Kritik, wenn ich mit manchen Leuten etwas zusammen mache, dass sie ständig von sich reden und ständig immer lange Besprechungen machen müssen, anstatt etwas zu tun. Das ist doch etwas sehr positiv Faschistoides oder auch Protestantisches.
TV: Das ist es, was ich meinte, dass dieses Buch und die darin zu findenden Weisheiten verschiedenste Anwendungs- und Auslegungsmöglichkeiten haben. Und weil du gerade vom inneren Nazi sprachst, möchte ich eine Brücke zum Feminismus schlagen. Der Hamburger Musiker Paul Poetsch postet auf Instagram seit geraumer Zeit Seiten aus Büchern, die er liest. Fand ich sinnvoll. Und letztens las ich dort sinngemäß: Der Feminismus, den wir Männer heute versuchen zu leben, wird immer auch der Feminismus unserer Väter sein, der einer im Interesse des Mannes war, beziehungsweise vom patriarchalischen Denken der Generationen davor beeinflusst ist.
RR: Aber überleg mal: mein Vater ist 1938 geboren, deine Eltern sind wesentlich jünger, trotzdem aber eine Generation die näher am 2. Weltkrieg ist, als deine. Ich habe mir meine Gedanken gemacht und viele Soziologen bestätigen auch, dass der 2. Weltkrieg der entscheidende Schub im Feminismus war. Weil die Männer nicht da waren. Sie rannten in irgendwelchen Schützengräben durch die Gegend und die Frauen mussten den Laden am Laufen halten und die Granaten herstellen, die Heimat verteidigen. Die These lautet also: Ohne Krieg – kein Feminismus. Und in der DDR hat sich das ja fortgesetzt. Die Frauen gingen körperlich schwer arbeiten, um Waren zu produzieren. Und in dem Moment, in dem eine Frau einer schweren Arbeit nachgeht, wird sie nicht nur geistig sondern auch körperlich wesentlich fitter als ein Mann. Also ist nicht der Feminismus unserer Väter in Wirklichkeit der viel größere Feminismus? Die haben nicht so viel darüber geredet, sondern einfach gemacht.

TV: Das ist aber wieder einmal eine sehr DDR-spezifische Sache. Denn in der BRD zum Beispiel, wurde ein patriarchalisches Gesellschaftsbild viel länger aufrecht erhalten. Vielleicht rührt daher auch unsere protestantische Haltung, Dinge einfach zu tun, anstatt lange darüber zu reden, weil wir es so kennen. Du sicher mehr als ich.
RR: Sachsen-Anhalt und Sachsen sind ja die Kernländer des Protestantismus, die dann zufällig Teil der sowjetischen Besatzungszone wurden. Die Wurzeln der Haltung liegen also tiefer als in der DDR oder dem zweiten Weltkrieg. Da hat sich etwas übereinander geschichtet.
TV: Ich würde gern nochmal Sheila Hetis Idee des spezifischen Alleinseins der kinderlosen Existenz aufgreifen. Es ist eine Einsamkeit, die auf das Erziehen eines Kindes verzichtet, aber auch auf die Möglichkeit, vom Kind am Ende des eigenen Lebens umsorgt zu werden. Man verzichtet auf das Kind als lebenslangen Begleiter.
RR: Tja. Ich las mal in einem Buch, dass ein Sackgassengefühl entsteht, wenn man seine Erbinformation nicht weitergibt. Du bist ein Mensch mit einer Erbinformation und die will raus und realisiert werden. Und wenn du das nicht machst, kriegt die Erbinformation einen ranzigen Beigeschmack und spukt in deinem Körper herum und bedrängt dich mit einem Endzeitgefühl. Aber ich frage mich, warum muss man das eigentlich so ernst nehmen?
TV: Die Fortpflanzung?
RR: Weil unsere Eltern vor 50 bzw. 30 Jahren auf die Idee kamen, Sex miteinander zu haben, sitzen wir jetzt hier. Jetzt rennen wir rum und machen uns unsere eigenen Gedanken und können es auch nur schwer akzeptieren, dass uns jemand hergestellt hat. Weil wir uns selbst so individuell und wichtig sehen. Das große Rätsel dieser Welt.
TV: Vielleicht ist Vermehrung also eine Kombination aus dem Drang, das Rätsel zu verstehen und der Empörung darüber, sich Luft zu machen, nicht gefragt worden zu sein, ob ich überhaupt hier sein will.
RR: Empörung ist das richtige Wort. Ich als hybrider bockiger Mensch bin empört darüber, dass jemand gewagt hat mich herzustellen.
TV: Ohne dich zu fragen.
RR: Aber wenn ich nicht hergestellt worden wäre, könnte ich ja nicht darüber meckern.
TV: Und aus dem Meckern entsteht das Bedürfnis, in die Kneipe zu gehen und sich abzulenken. Dann triffst du jemanden und ihr stellt jemanden her, der nicht gefragt wurde.
RR: Kann es nicht sein, dass es das war, was Nietzsche meinte? Man soll kurz innehalten, die Empörung auf sich wirken lassen, dem Druck standhalten, auch dem der Empörung des Gegenübers und sich dann bewusst in Alleinheit fortpflanzen.

Stille. Nur aus der Ferne Hundegebell. Reißig und Völker schauen gerade aus auf die vor ihnen liegenden Häuser des Dorfes.

RR: Nee, das war jetzt irgendwie Quark.
TV: Quark im Schaufenster.

* aus „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche, Alfred Kröner Verlag, Leipzig, 1918