Kurze Knackupunktur zum Thema Vermehrung …

Die gängigste, da seit zehntausenden von Jahren unumstößlich scheinende Vorstellung vom Entstehungsprozess eines menschlichen Kindes impliziert den physischen Akt der Fortpflanzung zweier Menschen, und zwar eines weiblichen und eines männlichen. Dieser leidenschaftliche Höhepunkt des intimen Verhältnisses zweier Individuen hat zur Folge, dass eine Samenzelle aus dem Ejakulat des Mannes die Eizelle im Inneren der Gebärmutter der Frau befruchtet, woraufhin ein exponentieller Zellteilungsprozess seinen Lauf nimmt. Ich gelange bei dieser Vorstellung immer wieder zu der infantilen Fantasie eines Urknalls und der darauf folgenden Entstehung eines kleinen Universums. Mit Abermillionen kleiner Sterne und kosmischem Nebel. Ich glaubte sogar das Konzept eines Wurmlochs verstanden zu haben, mithilfe eines winzigen Ellenbogens, welcher auf ein winziges Knie trifft und somit einem interstellaren Fötonauten die Reise von einem zum anderen Ende des Baby-Kosmos erlaubt. So seltsam diese Analogie auch anmuten mag, so selbstverständlich erschien bis zuletzt das Konzept menschlicher Fortpflanzung als solcher. Doch etablierte sich mit der In-Vitro-Fertilisation, in den 60er/70er-Jahren von Patrick Steptoe und Robert Edwards entwickelt, die künstliche Befruchtung als heilsbringende Lösung in Fällen unerfüllter Kinderwünsche. Dabei werden in einer Petrischale Samen- und Eizelle zusammengeführt, so dass eine Befruchtung stattfindet. In der klassischen Verfahrensweise wird dann am zweiten oder am fünften Tag nach der Befruchtung der Embryonentransfer zurück in den mütterlichen Uterus durchgeführt. Als dieses Procedere im Jahr 1978 der Engländerin Louise Joy Brown als erstem „Retortenbaby“der Welt das Leben schenkte, war „Brave New World“ bereits über vierzig Jahre alt. In diesem Roman beschreibt Aldous Huxley eine Gesellschaft, in der die natürliche
Fortpflanzung durch das massenhafte Heranzüchten von genmanipulierten Kasten-Menschen in Reagenzgläsern ersetzt wurde. Die dystopische Vision von Desig-nerbabys mit optimierten DNA-Codes à la carte scheint sich nahezu aufzudrängen bei Betrachtung der Fort-schritte, welche die Wissenschaft auf diesen Gebieten in Siebenmeilenstiefeln zu erlangen weiß. „Gattaca“ von 1997 zeichnet ein ebenfalls überaus unheimliches Szenario. Doch eigentlich interessiert es mich, ob mit Hilfe der In-Vitro-Fertilisation in einer gar nicht all zu fernen Zukunft nicht nur das Zeugen eines Kindes aus der bisher natürlichen Norm gehoben wird, sondern auch die Elternschaft. Tatsächlich gibt es die Dreielternschaft
ja bereits: Durch das Prinzip der Leihmutterschaft ist vor allem in Indien ein florierendes
Geschäft entstanden, das vor allem von kinderlosen Paaren der oberen Gesellschaftsschichten in Anspruch genommen wird. Frauen, die selbst keine Kinder zur Welt bringen können, lassen hierbei ihre Eizelle mit dem Samen des Gatten befruchten, bevor das Embryo in der Gebärmutter einer Fremdeneingesetzt wird. Diese muss dann die Schwangerschaft in der Geburtenklinik verbringen und bekommt dafür ein Honorar in Höhe eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Business of Birth. In den meisten europäischen Ländern ist die Leihmutterschaft verboten, so auch hier. Jedoch ist es nur wahrscheinlich, dass wohl eines Tages ein alleinstehender Mensch (mit dem entsprechenden Vermögen) in einer Kinderwunschklinik Neu-Delhis vorbeischneit, sich physische Attribute und Charakterzüge aus dem Katalog sucht, um so nach neun Monaten Wartezeit sein Erbe in besten Händen zu wissen.

Es grüßt A.R.