Home sweet Hell oder ein Spaziergang ins Grüne

Meine Gedanken sind schwerfällig. Ferngesteuerte Körper stolpern ziellos in die Dunkelheit viel zu früher Morgenstunden. Wie ein Getriebener verlasse ich das Haus. <<Wie zart das eben Netz, das uns aus Traum und Wirklichkeit umspült. Luzid und fein die Maschen, durch welche Sphären lustvoll gleiten.>>

Verwirrt von den Trugbildern der Nacht, sie ist noch ganz nah, scheidet mein Geist ungelenk und despotisch zwischen Traum und Wirklichkeit. Mein Körper hat kein Gewicht. Mein Bewusstsein hat keinen Anfang. Alles ist zu jeder Zeit diffus in mir. Mühsam lenke ich meine Schritte in den Morgen, der stumm und bedrohlich über die Wiesen und Felder der ländlichen Einöde herannaht. Hinter Nebel und Wolken schimmert irgendwo ein Fetzen Licht. Um mich herum schwelt silbriger Dunst. <<Sternenstaub>> Eine Scheibe Mond nimmt mir die Sicht. Mein Kopf ist ganz leer. Kein Plan, kein Stück Gedankenwelt versperrt den Weg hinab. Die Welt im Schädel lodert. <<Wie ist mir?>> Meine Gedanken kontrahieren unter der Summe von Eindrücken, die wie Legionen aus Schatten an mir vorüber ziehen. Ich verlasse meinen Körper und sehe mir von außen zu. Hinter mir erwacht ein inzestuöses Dorf ohne Namen aus unruhigen Träumen. Runzlige Fachwerkhäuser, windschiefe Buden eintausend und mehr Jahre alt und seit eintausend und mehr Jahren die Brutstätte für stumpfsinnige Gedanken, drängen sich in kotverschmutzten engen Gassen um eine verlassene Kirche. <<Denn hinter sauberen Fassaden, denkt der brave Bürger ans Progrom.>> Grelle Lichter reißen klaffende Löcher in die Dunkelheit. Vereinzelt steigt hier und dort etwas Rauch aus den Schornsteinen. Vor mir durchschneidet eine pfeilgerade Linie aus Asphalt eine öde Landschaft aus matschigen Wiesen und trostlosen Feldern. Von weiter her dringt gedämpft der Lärm einer Schnellstraße an mein Ohr. Eine ächzende Kolonne aus Metall, Licht und Schall schiebt sich unaufhaltsam ihrem unbedeutenden Schicksal entgegen. Pendler werfen sich in einen neuen Tag. Werden allesamt zerdrückt. Traurige Geschichten! <<Jedem sein Räderwerk.>> Im Nebel lauern ein paar verwaiste Obstbäume wie windschiefe Wegelagerer. Zu ihren Füßen unwirkliche Wucherungen Gestrüpps, das mit dornigen Ästen knorrige und mit Flechten bedeckte Stämme festzukrallen sucht. <<Haltet euch nur gut fest, ihr Brüder! >> Parallel zum Weg verläuft ein schmutziger, kleiner Bach oder etwas, das mit der Bewässerung der hiesigen Felder zu tun hat. Auch hier gibt es nur traurige Geschichten zu erzählen. Alles um mich herum ist nichts als domestizierte Wirklichkeit. <<Blühende Landschaften>> Am Fuß der schäbigen Hügel, die dieses trostlose Tal umschließen, kauert ein Fetzen Wald. Mein Pfad führt mich genau darauf zu. Nur zögernd nähre ich mich den schwarzen Silhouetten, die vielmehr unheilvolle Ahnungen von Bäumen und gestaltlose Drohungen formlosen Dickichts sind. So etwas wie Grauen fährt mit knochigen Fingern durch mein Haar und flüstert mit eisiger Stimme immer wieder meinen Namen. Leise Anflüge von Wahnsinn bemächtigen sich meines Verstandes. Stimmen in meinem Kopf. <<Ich werde Euch nicht antworten!>> An diesem Ort leben Gespenster. Morsche Stümpfe schneiden hässliche Fratzen. Dahinter zentnerschwere Findlinge aufgereiht wie Totems. Stumme Zeugen eines längst vergessenen Pantheismus säumen den Rand einer aschfahlen Lichtung. Selbst die Steine haben Gesichter. Böse Erinnerungen wabern in dem kriechend nebligen Gedämpf, das hier allerorts aus dem Boden sickert. Was ist hier bloß geschehen? Welches Verbrechen hat sich hier bloß zugetragen? Stimmen flüstern im Wind. <<Ich werde Euch nicht antworten!>>
In den Wipfeln der Bäume verebbt das Gekreisch schwarzer Vögel. Mich fröstelt. Verstohlen blicke ich mich um. Doch hier ist niemand. Die Angst nicht allein zu sein ist mein einziger, mein steter Begleiter. Ich habe mich offenbar verlaufen. Mein suchender Blick verfängt sich tastend in der kolossalen Dunkelheit des Fichtendickichts, das sich trotzig und unbeugsam dem hereinbrechenden Morgen verweigert. Ein Geruch aus Nadeln und feuchter Erde umgibt mich. Assoziationen türmen sich vor meinem geistigen Auge. Eine ganze Welt liegt in Trümmern. Gedanken rasen blindlings ins Nichts. Wenn ich genau hinhöre, kann ich den Wald atmen hören. Ich beginne zu laufen. Irgendwohin, ganz gleich wo, nur weg von hier. Panik macht sich ausufernd breit. Tausende Augen sind plötzlich auf mich gerichtet. Ich kann ihre Blicke spüren – jeden Einzelnen von ihnen. Dann plötzlich, ertönt in der Dunkelheit ein Geräusch. Mit einem Donnern bricht eine Schallwelle über mich hinweg. Peng! Ich ducke mich in den feuchten Waldboden. <<Was war das?>> Für einen kurzen Moment ist Stille. Dann löst sich mit erneutem Krachen ein weiterer Schuss. Ich laufe panisch weiter, beginne zu rennen. Äste und Tannengestrüpp peitschen mir ins Gesicht. Morsche Finger greifen nach mir. Ich kneife die Augen zusammen und halte mir schützend die Hände vor das Gesicht und renne weiter weiter weiter. Nur nicht stehen blieben. Noch im Laufen drehe ich mich um. Jemand ist hinter mir her. Boshafte Schatten verfolgen mich unlängst. Meine Lungen brennen. Schwarzer Rauch quillt mir aus Mund und Nase und nimmt mir den Atem, nimmt mir jede Sicht. Unvermittelt komme ich zum Stehen. Ein gewaltiger Husten-Anfall schüttelt mich. Weinend und von Krämpfen gebeutelt gehe ich zu Boden. Meine Lungen zerbersten.

Mit einem gewaltigen Schrei speie ich einen furchtbaren, alles versengenden Strahl aus Feuer in die Dunkelheit des Waldes. Ein großes schwarzes Nichts umfängt mein Bewusstsein – trägt mich auf lautlosen Schwingen davon. Endlich bin ich da! Nach einer unbestimmten Ewigkeit richte ich mich langsam auf. Um mich herum ist ein Schimmer rot gleißenden Lichtes. Stumm und andächtig staune ich, ob meiner verhängnisvollen Taten. Immer noch quillt schwarzer Rauch aus meinem Mund hervor. Ich blecke die Zähne, jaule, stoße wilde Schreie aus. Wälze mich in Asche und Staub. <<Wo bin ich?>> Vor mir erstreckt sich nunmehr eine glühende Landschaft aus Feuer und Rauch. Kein Blatt, kein Stamm ist mehr übrig geblieben. Dort wo eben ein Wald war, ist nur noch Asche, dort wo eben ein Dorf war, ist nur noch Glut. Wie benommen taumle ich weiter. <<Was habe ich nur getan?>> Traurig und voll Scham wende ich mich ab. Mein Blick geht zu den Sternen. Alles fühlt sich auf einmal leicht an. Keine Reue ist mehr in mir, nur andächtiges Stauen. Langsam fällt mein Blick nach hinten über – verfängt sich im scheuen Licht ferner, schon längst erloschener Galaxien. Dann habe ich das Gefühl zu fallen. Habe das Gefühl, dass ich einfach nur loslassen muss, um immer weiter zu fallen, bis mich nur noch Ewigkeit umgibt. Doch aus irgendeinem Grund kämpfe ich dagegen an. Mit dem unbestimmten Gefühl der Leere erwache ich ungläubig auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Eltern. Der Fernseher läuft. Ich muss geträumt haben. Heute ist Heiligabend. Ich sehe aus dem Fenster. Alles steht noch noch an seinem Platz – stumpfsinnige Häuser mit stumpfsinnigen Menschen darin. Blühende Landschaften in tausend Jahren Dunkelheit – kleine Inseln der Ruhe im Brüllen der Gegenwart. Hinter den Hügeln graut ein neuer Morgen. Es droht ein schöner Tag zu werden.