Gaypride Bratwurst

Ein Ausflug in die Niederungen des Ergebnissportes

Keine Ahnung, wieso ich mich immer wieder dazu breitschlagen lasse, mein gewohntes Habitat hinter dem Tresen des Subbotniks zu verlassen und mich dazu entschließe, ohne den schützend hölzernen Vorbau aus Eichenholz der Welt da draußen << quasi nackt >> entgegenzutreten. Kann ich Euch im Prinzip pauschal von abraten. Es sei denn, das Ganze dient einem höheren Zweck, wie zum Beispiel der Beseitigung von Flaschenpfand und/oder der investigativen Beschaffung schlüpfrigster Interna, zum Beispiel für eine kleine Insider-Reportage im Gonzo-Style für den Standort West.

Da ich natürlich mit meiner Unterschrift auf irgendeinem ausbeuterischen Arbeitsvertrag versichert habe, von genau solchen Vorhaben tunlichst Abstand zu nehmen, muss ich mich mindestens des Mittels der Verfremdung bedienen, um Euch doch noch am Erlebten teilhaben zu lassen. Darüber hinaus bin ich guter Hoffnung << lol >>, dass wir sowieso kaum gelesen werden und unsere zaghafte Auflage von rund 400 Stück Kneipenkultur pro Monat wohl kaum bis zu den verantwortlichen Medienmenschen in Berlin vordringen wird. Sei es drum! Denken wir uns einen Deutschen Autobauer, der in letzter Zeit weniger durch gute Absatzzahlen, vielmehr durch internationale Pionierarbeit im Bereich illegaler Abschalteinrichtungen hübsch dreckiger Dieselmotoren aufgefallen ist. Addieren wir im Kopf eine nicht gerade vom Erfolg verwöhnte Herrenmannschaft aus dem Bereich Internationale Rasenpflege, so betrachten wir im Ergebnis einen Konnex verschiedenster Imageprobleme. Berührt werden die Themenkomplexe: nachhaltiges ökologisches Handeln, der Tatbestand des vorsätzlichen, zigfachen Betruges sowie der generelle Umgang mit Minderheiten, seien es nun Männer, die Männer lieben oder Männer, die keine blonden Vorfahren haben. Mit dieser überblicksartigen Aufzählung haben wir auch en passant die Hauptakteure dieses kleinen Lehrstückes benannt. Gespeist aus meinem ureigensten Erfahrungen aus dem medialen Prekariat der Kabelträger, Komparsen und Kleindarsteller.
Eigentlich war die ganze Geschichte schon im Waschzettel mit den entsprechenden Warnhinweisen versehen. Anfrage für eine Imagekampagne für eine Deutsche Automarke mit Deutscher Herrenmannschaft. Meine Rolle: Random Deutsches Volk.
<< gruslisch >> Trotzdem habe ich den Job, entgegen aller Vernunft, angenommen und so fand ich mich wenige Tage später gegen 6:33 Uhr in der S3 Richtung sonstwo wieder. Die allumfassende und gänzlich totale Enge in der schmucklos dahingleitenden Bahn, die drückende Müdigkeit in meinem Kopf, die bleierne Schwere meiner Glieder, das Tableau olfaktorischer Reize sowie der triste Ausdruck der ebenfalls reichlich niedergeschlagenen Gesichter um mich herum spottet jedweder Beschreibung. Neben mir unterhalten sich ein paar moderne Arbeitssklaven der Firma Amazon über die offensichtlichen Nachteile einer Frühschicht bei der Firma Amazon und stellen sie den offensichtlichen Nachteilen einer Spät- bzw. Nachtschicht im selben Unternehmen gegenüber. Oder war es DHL? Aus dem Off brüstet sich eine quakende, mutmaßlich weibliche Stimme, definitiv die Erste gewesen zu sein, die im Gettho drei Haarfarben gleichzeitig hatte. Schwarz, gold und braun, na mehr so kupferfarben, doziert Vanessa-Chantall – was mich angehet- absolut glaubwürdig.

Um die Bahn herum ist dunkle tiefschwarze Nacht, an den Scheiben klebt feucht nebliger Dunst. In mir bemerke ich erste Anzeichen von Panik, die sich in kleinen Wellen wild um sich greifenden Menschenhasses gefährlich Bahn brechen. Jetzt bloß nichts anfassen und nur ja niemand berühren, sage ich tautologisch wie mantrisch zu mir selbst. Am Zielbahnhof im Sächsischen Nirgendwo angekommen, verschaffe ich mir reso-lut mit ausgefahrenen Ellenbogen in Fahrtrichtung Platz, um schließlich mit einer Gruppe gleichsam orien-tierungslos wirkender Rentner auf den trostlosen Bahnsteig gespieen zu werden.
Ein kreidebleicher Medienmensch nimmt mich teilnahmslos in Empfang und weist mir mit unwirscher Handbewegung den Weg in einen Reisebus.
Im Bus: verstohlene Blicke und scheues gegenseitiges Mustern, Unbehagen liegt in der Luft, niemand spricht. Meine Schicksalsgemeinschaft scheint aus einer stattlichen Menge Durchschnitt zu bestehen. Die Meisten wirken bedrohlich wach in ihren nagelneuen und zeitlos hässlichen Trainingsanzügen. Vielleicht liegt das auch an den brandheißen Fußballerfrisuren, die sich viele auf die Schnelle extra noch haben nachschneiden lassen. Oder daran, dass ein Gutteil der Passagiere Rentner ist, die sowieso immer irgendwie ausgeschlafen und bedrohlich wirken.
Die Fahrt selbst findet offenbar gar nicht auf diesem Planeten statt. Alles ist weit weg und so seltsam ge-dämpft und trocken, als befänden wir uns in einer riesigen Klimaanlage. Schwarzes unförmiges Nichts – vielmehr die Androhung einer Landschaft – stumme Schatten gleiten an gewölbten Panoramafenstern ent-lang.
Als der Bus Anstalten macht zu parken, erblicken wir ein weitläufiges Werksgelände, das vom einschlägig bekannten << genauer gesagt, von Nazis verseuchten >> Security-Unternehmen SAS gesichert wird. Finstere Jungs, in schwarzen Phantasieuniformen, walten engagiert ihres Amtes und kontrollieren brav entgegen gestreckte Handgelenke auf rote, schwarze und güldene Bändchen. Langsam schwant mir das journalistische Potenzial dieses Ausflugs und ich beschließe von nun an, meine Augen nicht mehr unkontrolliert zu schließen.
<< einmal Junkie… immer Junkie >>
Nachdem meine illustre Reisegruppe die Sicherheitsschleuse passiert hat, beginnt die Sache langsam an Fahrt aufzunehmen. Wichtige Menschen wohin das Auge blickt, alle rappel drauf und ultra wichtig, wuseln sehr geschäftig durcheinander. Alle haben Funkgeräte, mit denen sie sich ständig irgendwelche Anglizismen ins Ohr brüllen – kurz, es ist ein Fest. Unbestimmte Zeit später befinden wir uns einem grell erleuchteten Aufenthaltsraum. Wichtige Medienmenschen geben hektische und teils widersprüchliche Anweisungen. Es geht um Set-Pässe, Bändchen, Handys, Nichts und darum, dass wir, wenn möglich, gefälligst die Klappe halten sollen. Mensch müsse sich konzentrieren und so weiter. Der ganze Umgang mit der Komparserie – so werden wir tatsächlich als Gruppe angesprochen – hat etwas militärisches. Der Ton ist alles in allem recht barsch, die Sprache zackig, bisweilen unfreundlich, nur irgendwie wirkt alles so Hammer konfus! Naja Druffis eben.

Ich setzte mich erstmal, um den Schock zu verdauen. Immerhin war ich Zivildienstleistender! Beruhige dich Junge, was soll schon passieren? Am Besten einfach weiter atmen und und zwischendurch irgendwohin schauen – so wie immer. Gedacht, getan. Noch während ich atme, löst sich nach einigem organisatorischen Lärm aus dem Pulk der Medienmenschen eine Frau, die aussieht wie 30 Jahre gewissenhafter Kokainmissbrauch, um mit herablassenden Blick das Wort an uns zu richten. Ruhe bitte! So jeder von Euch bekommt jetzt einen Set-Pass mit einer Nummer drauf. Merkt euch diese Nummer, dann können wir Euch später einfach und vor allem schnell aufrufen. Okay?! << Betretene Blicke >> Ihr da hinten könnt schon mal in die Garderobe, unterbricht sie der bleiche Boy vom Bahnhof. Erleichtert, nicht meine Nummer aufsagen zu müssen, füge ich mich in mein Schicksal. Gemeinsam trotten wir im Gänsemarsch in die Garderobe. Dort angekommen, werde ich natürlich sofort geduzt. Kunststück, wer siezt schon einen verschlafenen Enddreißiger, der in Unterhose und Socken und ungekämmten Afro fröstelnd vor einem steht? Und was stellst Du dar? Tritt es im feinsten Schwäbisch an mich heran. Noch bevor ich meine Unwissenheit kundtun kann, schaltet sich auch schon die Regieassistenz ein. Sie sind internationaler Fußballspieler, sagt der kleine dicke Hipster beflissen von rechts. Na Gott sei Dank, das ist wenigstens besser als irgendeinen hirnlosen Fan zu mimen, sage ich zu mir selbst. Mein Dress ist schnell unter den fachkundigen Augen der Stylistin zusammengeschustert. Zielsicher wählt sie einen fleischfarbenen Hoodie, kombiniert ihn keck mit einer schwarzen Synthetik-Shorts und als I-Tüpfelchen gibt es schwarze Fußballschuhe mit Stollen – herrlich. Noch bevor ich gegen meinen Aufzug protestieren kann, werde ich auch schon in eine riesige Halle geschoben, in der sich das Set befindet. Am Set sieht es ungefähr so aus, wie Mensch sich ein Filmset vorstellt. Ein Labyrinth aus Kabeln, Koks, Schienen, Kameras und sonst was für Technik, flankiert durch kolossale Greenscreens, Requisiten, und Zeug, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Linker Hand befindet sich ein Tisch, der übersät ist mit ungefähr 50 Portionen Currywurst-Pommes.
<< Word Alta >> Nebendran türmen sich ungezählte Fantröten, Mützen, Schals, Hüte, Gummitiere, ALLES – wirklich – der ganze Mist an Fandevotionalien liegt dort fein säuberlich ausgebreitet. << Warum das alles? Zwischen den Dingen überall Menschen >> Irgendjemand plärrt, dass wir uns zügig in Dreierreihen aufstellen sollen. Frisch formiert erhalten wir verschiedene Ansprachen und Verhaltenshinweise von einer Frau, die durch einen verruchten Schlafzimmerblick, einen enorm dicken Hintern und bemerkenswert frei flottierendes Gesichtsgulasch sofort meine Aufmerksamkeit beansprucht. << Kokain holt doch stets das Beste im Menschen hervor >> Ruhe bitte! Also wir drehen hier einen Imagefilm. Okay!? Das ist sicher für viele sehr aufregend. Trotzdem möchten wir, dass wir uns a-l-l-e sehr professionell verhalten, buchstabiert das Gulasch herrisch, während es geschäftig auf und ab stolziert. << In der Schule hätte ich unter solchen Umständen todsicher eine Erektion bekommen >> Verhaltet Euch ruhig und geht beim Dreh immer selbstständig auf Anfang. Versteht Ihr? Die Mannschaft möchte sich volksnah zeigen. Das heißt mit Ihnen allen. Deshalb sind quasi Sie als Querschnitt der Bevölkerung hier mit dabei. Den stellen Sie dar! Verstehen Sie? Es handelt sich um den ersten Spot des neuen Sponsors MIT der Mannschaft. Deshalb ist alles, was wir hier tun, extrem wichtig. Wir haben wenig Zeit, deshalb brauchen wir von Euch volle Aufmerksamkeit, Konzentration und absolute P-r-o-f-e-s-s-i-o-n-a-l-i-t-ä-t. Operationtime beträgt exakt 120 Minuten. Onehundredtwenty, Verstehen Sie? In dieser Zeit wird nicht gesprochen und auch nicht aufs Klo gegangen. Das erledigt Ihr vorher, ganz professionell. Und wenn später die Mannschaft da ist, steht Ihr geordnet da. Sprecht sie nicht an. Keine Kommentare und keine Autogramme. Verstanden!?
Spätestens hier hätte mir klar sein müssen, dass die ganze Sache nichts für mich ist. Doch gar nichts wurde mir klar, vielmehr verlangte ein dumpfer Fatalismus in mir ausufernd nach Raum. Nach dieser kleinen Ans-prache wurde die Komparserie hübsch geordnet und fein artig in Grüppchen aufgestellt. Die Fans kamen zu den Fans, die Wurstverkäuferinnen kamen zu den Wurstverkäuferinnen, die Ordner zu den Ordnern, die Fotografen zu den Fotografen, die Fußball-Girls kamen zu den Fußball-Girls und die Ausländer kamen zu den Ausländern, kurz um, es wurde nicht ein einziges, glibberiges Klischee ausgelassen. Ungefähr zur selben Zeit schwebte in einer Corona aus Licht der Regisseur hinab in dieses irdische Jammertal. Die Erde erbebte kurz vor Ehrfurcht, als Gottes Ebenbild zu sprechen anhob. Und als die Chöre gingen, sprach der König des Affenfelsens Worte, die wie himmlisch Manna waren. Nicht zu uns, er sprach zu seinen Jüngern – dem inneren Zirkel. Uns sah er nur an, schweigend, allmächtig und durchdringend. Die Chöre gingen und die Gestalt aus reinem Licht richtete erneut das Wort an seine Entourage. Gravitätisch und mit skeptischem Blick durchmaß er unsere Reihen. Hin und wieder deutete er mit dem Finger auf einen Sterblichen und erteilte ihm das erlösende Prädikat B. Ich betrachtete den Demiurgen bei der Arbeit. << Finger in Ursuppe >> Traute mich kaum, den Blick zu heben. Staunte, ob des chaotischen Schöpfergeists, der sich hier wilde Bahnen brach, denn als der behaarte Monarch mit 300€ Basecap kraft seines Willens relevantes von irrelevantem Filmmaterial schied. Da wurde ich der Schöpfung selbst andächtig. Denn aus einer unförmig grauen Masse Volk erhoben sich mit einem Male strahlende Menschenkinder in Eitelkeit und Demut. Am Anfang – wahrlich meine Brüder – war das Wort und das Wort war B. Wir alle waren wie erstarrt. Die Ganze Szene war irgendwie aufregend und beklemmend zugleich. Nach der Selektion in hot or not wurden eilig die Requisiten verteilt. Wer zuvor schon mit dem Prädikat A = graue Masse gestraft wurde, hatte jetzt die Gelegenheit, sich mit dem Erhalt einer Deutschlandfahne oder gar einer mit Nagellack glasierten Bratwurst filmgeschichtlich letztgültig zu blamieren. Ich selbst bekam einen Rucksack. Was sich daran anschließt, ist eine schier endlose Abfolge von Wartephasen, Set-Proben, Wartephasen und kurzen, repetitive Einsätzen vor der Kamera. Unnötig zu erwähnen, dass der ganze Dreh, auch entgegen meiner totalen Ablehnung der ganzen Kampagne, schon gepasst hat. Das Catering jedenfalls war killa! Sobald ich gecheckt hatte, dass es kaum auffällt, wenn ich mich unerlaubt bewege und ein haben. Klar! Ich war hier Zeuge eines Jokus, eines anarchistischen Aktes der Werbeagentur. Sogleich malte ich mir in den schillerndsten Farben aus, wie ein genialer Geist in einem Kommandounternehmen die Fahnen mit List und Tücke platziert hatte. Um nichts weniger als die ganze hirnverbrannte Kampagne, kraft des Einsatzes versteckter, satirischer Elemente zu sabotieren. Ich malte mir aus, wie nach Auffliegen des paar Schritte gehe, war es am Set fast schon auszuhalten. << Und die Leute, Junge hör mir auf, was hab ich gelacht! Zu geil das alles. >>
Eine Episode will ich allerdings noch loswerden. Es geht in der Hauptsache, um die sinngemäße Antwort irgendeines verantwortlichen Mackers am Set. Ich hatte mich irgendwann tatsächlich getraut, ihn anzusprechen. Die Herrenmannschaft war gerade abgezogen – natürlich unter dem Applaus des kompletten Sets und es wurden nur noch kleinere Szenen nachgedreht. Mir war aufgefallen, dass einige Komparsen während des Drehs stolz Gaypride-Fahnen in die Kamera schwenkten. Für mich in Verbindung mit dem Werbeträger ein absolut groteskes Bild, das mich vor ein quasi philosophisches Problem stellte. Denn bisher hatte sich der deutsche Profisport wohl kaum mit einer liberalen Politik gegenüber Schwulen, Lesben und Transgender-Menschen hervorgetan! Oder habe ich da irgendwas nicht mitgekriegt? << Im Ernst jetzt! >> Jemand musste sich einen Scherz erlaubt diabolischen Scherzes hektisch Gapypride-Fahnen zu Deutschland-Fahnen umretuschiert würden. Und ich stellte mir vor, was das alles für eine Arbeit machen würde, Mensch bedenke die Falten und das alles.
<< Anyways!>> Ich wurde schließlich eines Besseren belehrt. Denn der Macker vom Set erklärte mir bereit-willig, dass es sich bei der illustren Kundschaft um zwei schwergewichtige Konzerne handelt, die mit extre-men Imageproblemen zu kämpfen haben. Das erkläre nebenbei auch den ganzen Aufwand sowie das irrsin-nige Budget. Für diese zwei Konzerne ist es gerade dringend notwendig, alternative Schlagzeilen zu produzieren. Deshalb schwenken wir hier kurz ein paar Gaypride-Flaggen. Einfach ein bisschen Regenbogen, dazu ne herbe Mischung Volk – ruhig ganz bunt und von allem etwas – und Schwups Kleiner haben wir einen ganz anderen Diskurs. Wir machen eben einen Imagefilm.

Von Patzy Looove