Die Machtfrage

Domm! … Domm! … Do-Dommm! … Domm!

„Da haben wir den Salat, Kurt“, flüstert meine therapeutische Freundin Natascha-Lou Salomé. Sie ist mit einer Rot-Kreuz-Binde um den Arm und einem Beutel voll Inkontinenz-Windeln in der Hand im Schatten der Dun-kelheit von hinten zu mir herangerobbt. Über uns hinweg pfeifen Gummigeschosse und auch immer mehr echte Kugeln und sogar Mörser, die in die Fassade des Mietshauses hinter uns einschlagen.


„Ja, da haben wir den Salat“ flüstere ich kleinlaut zurück und meine Stimme zittert. Es ist kurz vor Mitternacht, und ich fürchte wirklich, dass ich mich vor Angst gleich einscheißen werde, denn dies hier ist keine Laser-Tag-Veranstaltung und auch kein Computerspiel, sondern ich liege hier tatsächlich mit ein paar dutzend anderen Hips-tern, Gentrifizierungsgegnern, Salonrevolutionären, Anarchisten, Kommunisten und Klima-Rebellen unter echtem Feuerbeschuss – schlotternd und nur notdürftig bewaffnet hinter einer spontan errichteten Straßen-Barrikade an der Karl-Heine-Straße/Ecke Merseburger in Plagwitz. Und wir versuchen, die vor nicht einmal 24 Stunden – nach einem außer Kontrolle geratenen Diskussionsabend im Salon des Noch besser leben – spontan ausgerufene Freie Autonome Räte-Republik Plagwitz/Lindenau vor den heranrückenden bis an die Zähne bewaffneten Truppen des sächsischen Innenministeriums und den mit ihnen verbündeten Freikorps von Pegida aus Dresden zu verteidigen. Aber die sind leider in zehnfacher Übermacht.
Und während Natascha-Lou mir jetzt also im Liegen die Windelhose überstreift, um mich vor den peinlichen Folgen des Einscheißens im Barrikadenkampf zu bewahren, und dabei leicht vorwurfsvoll den Kopf schüttelt,denke ich, dass ich mal lieber wirklich gestern hätte auf sie hören sollen, als sie am frühen Abend an meiner Wohnungstür klingelte und mich eindringlich davor gewarnt hat, aus Anlass des 100. Jahrestages der November-revolution diesen Philosophie-Salon im Noch Besser Leben anzuzetteln – mit dem Titel „Demokratie und/oder Revolution? – FRAGEZEICHEN“. – „Kurt, man weiß nie, was bei so einem Thema für Leute auftauchen, um sich mal gegenseitig die Meinung zu sagen oder um Stimmung zu machen oder um irgendwelchen Aufruhr zu stiften“, hat Natascha-Lou gesagt, „und von wem das dann alles im Hintergrund beobachtet oder gelenkt oder instrumen-talisiert wird. – Verfassungsschutz, KGB, CIA – Das weiß man in solchen Fällen nie genau, Kurt. Und die psycho-logische Eigendynamik von solchen Veranstaltungen ist sowieso unkalkulierbar. Und am Ende gibt es Mord und Totschlag, wie 1918/1919. Echt, lass das mal lieber!“ „Ah: no risk – no fun!“, hab‘ ich Natascha-Lous Warnung gestern Abend flapsig in den Wind geschlagen. „Wir leben doch in einer Demokratie, da muss man doch echt mal noch über alles öffentlich reden oder philosophieren dürfen!“ Und dann hab‘ ich sie stehen lassen und bin zusammen mit einem meiner besten Plagwitzer Bohemien-Freunde, der sich den expressionistischen Kampfnamen Ernst Toller gegeben hat, Richtung Noch Besser Leben aufgebrochen.
Und obwohl noch über eine Stunde Zeit war bis zum offiziellen Veranstaltungsbeginn, war der Laden, als wir ankamen schon rappelvoll und die Stimmung irgendwie … aufgeheizt. Und spätestens da wäre die letzte Chance gewesen, die ganze Sache abzublasen, aber naiv wie ich war, habe ich stattdessen das Mikro angeschlossen und angefangen drauflos zu sprechen, dass wir aus Anlass der Revolution von 1918 heute mal ganz unvoreingenom-men über das Verhältnis von Demokratie und Revolution an sich diskutieren wollen und dass jeder seine Meinung dazu freimütig äußern dürfe, weil das sei ja die Grundvoraussetzung für jedes Philosophieren und ob es jemanden im Raum gäbe, der das Gefühl hätte, wir würden heute auch gerade mal wieder irgendwie in einer Art revo-lutionären oder wenigstens vorrevolutionären Situation leben so wie damals 1918 oder 1989 und ob es nicht auch in einer Demokratie wie dieser hier nötig sei, sie immer mal wieder revolutionär aufzufrischen…
Und schon brach der Sturm los. Jemand pfiff laut durch die Zähne, schwenkte das Kommunistische Manifest durch die Luft, und rief „Fuck Kapitalismus! Wir haben nichts zu verlieren, als unsere Ketten!“ Und dabei er zer-riss demonstrativ seinen aktuellen Hartz IV-Bescheid und anschließend wegen des Dieselskandals auch noch die auf A4-Zettel ausgedruckten Logos sämtlicher deutscher Autokonzerne. Ein zweiter Salonbesucher reckte Sté-phane Hessels „Empört Euch!“-Manifest in die Höhe und skandierte: „Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt, Neues schaffen.“ Und dann zerriss er das aktuelle Mieterhöhungsschreiben für seine Wohnung und anschließend nacheinander die Logos von Facebook, Google und Amazon. „Scheiß-Datenkapitalismus!“
Und ein kleiner alter Mann mit spitzem Bart, der ein bisschen wie eine Mumie aussah, skandierte: „Man müsste die alle an die Wand stellen!“, während ein Vierter unter allgemeinem Gejohle die gesammelten Schriften von Bakunin und ein Fünfter gar das Grüne Buch von Gadaffi durch die Luft schwenkten.
Bis sich eine Frau meldete und mit betont friedvoll gedimmter Stimme erklärte, sie sei GFK-Trainerin und prin-zipiell eher so gegen Gewalt – egal ob mit Waffen oder mit Worten – und man würde doch sehen, wo das am En-de immer hinführt: Gulag oder KZ. Und das mit dem ‚An-die-Wand-stellen‘ sei im Übrigen sowieso nur so ein beklopptes Männerding aus dem vorigen Jahrhundert. 1989 hätten sie das schließlich auch alles ohne Schießen und Gewalt hingekriegt: ‘ne friedliche Revolution, die eine beschissene Diktatur eins, zwei, fix in eine Demokratie verwandelt hat, sagte die Frau, die natürlich Natascha-Lou war, wie ich erst jetzt checkte.

Den vollständigen Erfahrungsbericht findet ihr unter
https://leipzignirwana.wordpress.com