Der Markt der Vereinzelungen

Anne Löscher beantwortet Fragen zu Einsamkeit & Vermehrung

Wenn man eine drängende Neugier für etwas entwickelt, von dem man keine Ahnung hat, lohnt es sich jemanden zu fragen, der sich damit auskennt. Zum Thema „Einsamkeit & Vermehrung“ stellte Standort West Fragen an die Promovendin Anne Löscher. Sie macht sich zu feministischen Fragen sowie Geldthemen ihre Gedanken, schreibt diese auf oder trägt sie vor. Sie hält auch regelmäßig Vorträge im Besser Leben.

Standort West (SW): Einsamkeit im Alter, Einsamkeit in der Großstadt, es gibt viele Formen. Einsamkeit ist ein negativ konnotierter Begriff. Wo hat diese Angst ihren Ursprung?

Anne Löscher (AL): Ohne einen anthropologischen oder soziologischen Hintergrund zu haben, würde ich sagen, die Angst vor Einsamkeit liegt in der Verletzlichkeit des Menschen. Wir sind soziale Wesen und unser (Über-)Leben kann nur in der Gemeinschaft sichergestellt werden. Als hilflose Säuglinge geboren, sind wir auch im Laufe unseres Lebens auf Fürsorge und Anerkennung von anderen Menschen angewiesen, um physisch und psychisch gesund zu bleiben.

SW: Könnte dahinter auch eine Strategie der Wirtschaft stecken, bei den Menschen das Bedürfnis nach sozialen Netzwerken und Partnerbörsen zu wecken, die wiederum eine ganze Industrie befördern, die vom Kommunikationsmittel Smartphone, über Mode bis zu körperoptimierenden Stoffen, vermeintliche Hilfsmittel bietet, die Einsamkeit zu vermeiden?

AL: Ich glaube nicht, dass das Gefühl der Einsamkeit von irgendjemanden als Strategie entworfen worden ist. Es ist vielmehr ein Nebeneffekt unseres Wirtschaftssystems, wo Menschen als individuelle MarkteilnehmerInnen auftreten, die sich als UnternehmerInnen ihrer selbst verhalten. Diese Vereinzelung ist extrem praktisch, wenn der Versuch soziale Anerkennung durch Konsum sicherzustellen, die Verkaufszahlen nach oben treibt. Das geschieht auch jenseits von Geltungskonsum insbesondere wenn in Werbung attraktive Menschen zu sehen sind, die suggerieren, dass man selber so unwiderstehlich wird, wenn man das beworbene Produkt kauft. Aber auch wenn heile Familien oder lässige Freundschaften in der Werbung suggerieren, dass einem der Genuss solch einer Gemeinschaft sicher ist, wenn man solches oder jenes entscheidet.

SW: Haben die Menschen verlernt einsam zu sein?

 AL: Ich denke, dass Menschen schon immer das Bedürfnis hatten, ihrer Einsamkeit zu entfliehen, nur dass sich die Form und Notwendigkeit geändert hat. Während früher Menschen in relativ rigide gesellschaftliche Rollen und Positionen und damit in eine Gemeinschaft geboren worden sind, agieren sie heute – wie schon gesagt – eher als vereinzelte Marktakteure.

SW: Oder ist es ein natürliches Bedürfnis des Menschen in Gruppen zu existieren?

 AL: Wie gesagt: Es ist nicht nur ein Bedürfnis sondern eine Notwendigkeit mit anderen Menschen zu leben. Bei Begriffen wie „natürlich“ bin ich jedoch skeptisch. Da wir soziale Wesen sind, gibt es praktisch keine vor-soziale Natur des Menschen. Und selbst wenn es viele Kasper Hauser oder Moglis gäbe, würde es ja sofort zu sozialer Beeinflussung kommen, wenn deren „Natur“ (wie auch immer die sich messen lassen würde) untersucht wird. Ein Schrödingers-Katze-Problem, dem wir uns nicht entziehen können.

SW: Ein Weg aus der Einsamkeit ist einen Partner zu finden und gemeinsam ein Kind zu zeugen. Vor allem Frauen sehen sich der gesellschaftlichen Erwartung gegenüber, dass Karriere und Kind nicht vereinbar sind. Könnten zukünftige Verfahren, die eine Schwangerschaft außerhalb des Körpers oder auch im Körper des Mannes ermöglichen helfen, die der Frau überantwortete Rolle als „Mutter“ aufzulösen oder muss dieses Ungleichgewicht gesellschaftspolitisch verändert werden?

AL: Solange wir uns nicht von der Erwartungshaltung befreien, dass Frauen den für- und umsorgenden Part bei der Kindererziehung inne haben sollten, weil sie natürlicherweise dafür besser geeignet sind, liebensfähiger o.Ä. wird eine Auslagerung der Reproduktion nichts ändern.

SW: Es gibt auf der anderen Seite eine (von Männern erdachte) Philosophie des Anti-Natalismus. In Kürze spricht sich diese Strömung in Gänze gegen die Fortpflanzung aus, um kommenden Generationen das Leid der Existenz zu ersparen. Des Weiteren wird auf die begrenzten Ressourcen der Erde verwiesen. Die jetzige Generation solle diese aufbrauchen und radikal gesagt, eine gute Zeit haben und dann einfach sterben. Ist das eine absurde Idee oder kann man daraus etwas lernen?

AL: Ich halte es für ebenso absurd, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der genug für alle da ist und doch Mangel herrscht. Ich glaube nicht, dass das Leid der Menschen in Überbevölkerung begründet ist – eine These die immer wieder insbesondere gegen den armen Teil der Weltbevölkerung auf’s Tapet gebracht wird, obwohl es die Reichen sind, deren Ressourcenverbrauch nicht nachhaltig ist. Aber dennoch komme ich nicht umhin, den Gebärstreik, in den viele Frauen in Teilen der Welt stillschweigend getreten sind, sympathisch zu finden. Und ich würde mich davor hüten, diesen Frauen Karrieregier zu unterstellen. Ich lese darin vielmehr ein Protest gegen an Frauen gerichtete, unerfüllbare Erwartungen und Optimierungszwänge: Frauen sollen sich um ihre Mitmenschen aufopferungsvoll kümmern, insbesondere um ihre Kinder, Partner, Eltern und Schwiegereltern, im Beruf erfolgreich sein, ein attraktiver Vamp und dennoch treu sowie interessante (Gesprächs-)Partnerinnen. Das stellt eine völlige Überforderung dar.

SW: Die Reichen vermehren ihren Reichtum und haben wenig Kinder. Die Armen kriegen viele Kinder und haben kein Geld. Gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen Wohlstand und der Anzahl der Kinder, die ein Mensch hat?

AL: Dass insbesondere Arme viele Kinder kriegen, ist ein weitverbreitetes Vorurteil. Eine Studie des Max-Planck-Instituts hat gezeigt, dass die Tendenz, dass mit steigendem Einkommen die Kinderanzahl sinkt, nicht haltbar ist. Das gilt zumindest für europäische Regionen. Wie es sich in den armen Regionen der Welt verhält, weiß man nicht. Dazu fehlen verlässliche Daten insbesondere zum Einkommensniveau von Haushalten. Statistische Erhebungen setzen voraus, dass es gut ausgestattete Statistische Ämter gibt, Arbeit formalisiert ist bzw. es eine Erhebung auch von nicht-monetären Einkommen und der Vermögensausstattung des Haushaltes gibt. Auch die Geburtsstatistiken armer Länder sind sehr mir Vorsicht zu genießen. Volkszählungen werden mancherorts nur im Abstand von mehreren Jahrzehnten durchgeführt und sind unzuverlässig. Alle anderen Datenpunkte fußen auf Schätzungen. Außerdem gibt es da keine großartigen Unterschiede zwischen extrem armen und wohlhabenden Nationen. Die Fertilitätsrate in Bangladesch fällt mit geschätzten 2,1 Kindern beispielsweise nur leicht höher aus als die schwedische mit 1,85 Kindern. Außerdem: Auch Superreiche haben relativ viele Kinder. Georg Soros hat fünf und Warren Buffett drei Kinder. Auch die laut Wirtschaftswoche reichsten Frauen der Welt Iris Fontbona, Susanne Klatte und Frau Anne Cox Chambers haben drei Kinder. Im Vergleich: in Deutschland werden durchschnittlich 1,5 Kinder à Frau im gebärfähigen Alter geboren.