Reißig und Völker müssen reden (3) – Kacke – (k)ein Tabu mehr

Für diese Ausgabe folgten Rising Reißig (Arzt und Gastwirt) und Timm Völker (Musiker und Patient) der Einladung von Äther Lindenow und sprachen am 7. Oktober über das Thema der aktuellen Ausgabe von Standort West live vor Publikum im Radio. Sie haben sich wie immer sehr bemüht, am Thema dran zu bleiben und gegen ihren Drang zu fabulieren und Phantasmagorien zu bilden anzukämpfen. Ob es ihnen diesmal gelungen ist, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt.

TV: Hallo Rising. Bist du da?
RR: Hörst du mich?
TV: Da ist doch was zu hören.
RR: Jetzt.
TV: Rising, bist du da?
RR: Timm?
TV: Rising?
RR: Timm? Jetzt.
TV: Hallo, ah ja. Jetzt hör ich dich.
RR: Jetzt, ja.
TV: Ja.
RR: Hallo Timm.
TV: Unsere erotische Reise durchs NBL-Haus findet ihre Fortführung. Oh Gott, ich bin total zittrig und sitze hier ehrfürchtig in einer gebückten Haltung und spreche in das Mikrofon. Heute am Tag der Republik. Wir sind bei Äther Lindenow und reden über das Thema „Gespür für Anstand“. Und da fällt mir natürlich – Tag der Republik – ein, dass jeder DDR Bürger sich sehr gut mit Anstand auskennt, weil in der DDR musste man ja ziemlich oft anstehen. (Gelächter aus den Reihen der Zuhörer.)
RR: Das war ein Kalauer.
TV: Aber die Leute lachen.
RR: Die waren ja nicht dabei.
TV: Das weißt du doch gar nicht.
RR: Macht das Mikrofon an! Bin ich wieder…? Ja.
TV: Ei!
RR: Immer dieser DDR- Reflex.
TV: Die Schlangen sind ein DDR-Reflex? (Hysterisches Lachen aus den Reihen der Zuhörer.)
RR: Ist alles voller Westdeutscher hier.
TV: Das Schlangennest muss ausgehoben werden.
RR: Das Schlangennest des Kapitalismus.
TV: Gespür für Anstand. Das ist unser Thema. Wie ist es denn mit diesem Anstand? Man steht an.
RR: Man wird angestellt.
TV: Wo stellt man sich an?
RR: Du wirst durchs Leben angestellt. Deine Eltern stellen dich an.
TV: Ohne mich gefragt zu haben!
RR: Eltern freuen sich, wenn ein Kind schon nach 9 Monaten stehen kann und nicht erst nach einem Jahr.
TV: Wird das jetzt hier so ne Wortakrobatik-Nummer? Ich hab auch richtig schlechte Laune heute.
(Erneut hysterisches Lachen aus den Reihen der Zuhörer.)
RR: Du hast doch angefangen mit dem Anstand. Also die Kinder werden von den Eltern angestellt und darauf vorbereitet später eine Anstellung zu bekommen, damit man später eine Sicherheit hat. Aber das hatten wir ja schon in Teil 1. unserer Gesprächsreihe. Dein Rentenbescheid und deine dunkle Zukunft, weil du nie Angestellter warst.
TV: Ich hab jetzt auch noch mal ein 40-seitiges Schreiben bekommen. Den Rentenantrag. Dann hab ich gegoogelt und man muss den eigentlich erst ein Jahr vor Rentenantritt einreichen. Und ich bin noch nicht soweit.
RR: Das weißt du doch gar nicht. Vielleicht kriegst du Erwerbsunfähigkeitsrente wegen psychischer Probleme. (Hysterisches Lachen aus den Reihen der Zuhörer.)
TV: Ich finde, die Zeit der guten Laune sollte jetzt ein Ende haben. Wenn ich „Gespür für Anstand“ höre, denke ich, kurz vor der Indoktrination von Til Schweiger als Führer der rechten Bewegung, dass das wie so eine Bürgerpflicht klingt.
RR: Til Schweiger ist der drittbeste Schauspieler aller Zeiten. Brad Pitt ist der beste und Vin Diesel der zweitbeste.
TV: Manta Manta – Gespür für Anstand! In unserem Arzt-Patienten-Gespräch möchte ich dich fragen, ob Anstand ein Instinkt ist? Weil Gespür, da klingt für mich etwas instinktives, intuitives an.
RR: Der Arzt war ja früher sehr gut angezogen, weiß gekleidet, drahtig und in sich gerade. Der Patient hingegen zeichnete sich durch etwas unanständiges und verschwitztes aus.
TV: Verschwitzt bin ich gerade auch. Und gebückt. Ehrfürchtig und geknechtet vom Leben als Patient.
RR: Patient wird man ja nicht. Patient ist man von der Haltung her. Einer unanständigen Haltung. Und Anstand, der ist anerzogen. Es hat etwas mit Eliten zu tun. Es gibt politische Bewegungen, die sich gegen Elitenbildung einsetzen und die sehen auch alle ein bisschen unanständig aus.
TV: Gespür für Unanständigkeit ist also auch wichtig.
RR: Das wird einem anerzogen. Wie Moral. Mich fragte letztens jemand, ob es Moral überhaupt gibt und was das ist. Und dann haben wir uns überlegt, Moral ist eine Gruppe in einer Höhle, die so eine Höhlenmoral entwickelt, um dann die andere Gruppe in der Nachbarhöhle zu vertreiben und zu erschlagen um die Höhle zu besiedeln.
TV: Also Moral und Anstand als Waffe.
RR: Genau. Früher hieß es ja Kunst ist Waffe in dieser metaphorischen DDR. Dann hat ein Künstler Kunst ist Waffel draus gemacht.
TV: Mh, ich hätte gerne eine Waffel…
RR: Du hast mir aber vorhin von Brasilien erzählt.
TV: Ja, heute ist die erste Wahlrunde für das Amt des Präsidenten in Brasilien. Ein echt großes Land, aber so weit weg, das man das schnell mal vergisst.
RR: Ich habe gegoogelt: 27 Prozent der Menschen dort sind katholisch und wählen ihren Oberfaschisten. Und in einer Insiderstory sieht man wie sich Pepe und Guillermo in der Innenstadt von Rio de Janiero küssen und das bald nicht mehr dürfen. Weil die Katholiken und ihr Präsidentschaftskandidat gesagt haben: „Schwule sind doof.“ Und das ist Anstand. Aus deren Sicht. Und den Regenwald finden die auch doof.
TV: Sie rechtfertigen ihre Handlungen und Meinungen mit Anstand.
RR: Genau. Und dann stand da noch, dass es auch kein Kapitalismusproblem mehr gibt, weil die Konzerne es Anständig finden mit dem Abholzen des Regenwalds Geld zu verdienen.
TV: Klingt so, als ob jeder Anstand für das nutzen kann, was er will.
RR: Nein, kein Wille. Jeder bekommt gesagt, wofür Anstand steht.
TV: Von wem?
RR: Von seinen Eltern. Die Eltern sagen dir, was anständig ist. Zum Glück haben wir uns ja getroffen, als du eineinhalb Jahre alt warst.
TV: ’89 auf der Demo in Halle…
RR: Da habe ich dich aufgehoben von der Erde in deiner Windel. Raunte dir zu, was echter Anstand ist während wir auf die Genossen der Nationalen Volksarmee zugingen. Das Foto war ja in der letzten Ausgabe zu sehen.
TV: Du und ich vor den Fäusten der Zukunft, ein Denkmal, dass jetzt auch nicht mehr steht.
RR: Weil die das unanständig fanden. Ich habe überlegt, dass man Anstand eigentlich nur für große Länder braucht. Wenn man sich eine Landkarte von Brasilien anschaut, kann man sich kaum vorstellen, dass ein Brasilianer es je schafft durch ganz Brasilien zu kommen. Das ist ja unendlich groß. Und deshalb muss der Regenwald auch weg, um überhaupt irgendwie voranzukommen. Das heißt im Umkehrschluss, je kleiner das Land desto unanständiger ist es.

TV: Ich assoziere mal frei… unanständig… dirty, sexy… (Aus den Reihen der Zuhörer hört man: „Niederlande, Niederlande!“)
RR: Das hier ist ein wissenschaftliches Format. Lass uns doch bitte dementsprechend agitieren. Für die Jüngeren und Westdeutschen im Raum möchte ich daran erinnern, dass die DDR nur 600 Kilometer lang und 300 Kilometer breit war. Ich habe mich mal mit einem Jagdflieger unterhalten und der meinte, dass das größte Problem war, mit dem Flugzeug kein Gas zu geben, weil man plötzlich in einem anderen Land und feindlichem Luftraum sein konnte.
TV: Mit der MIG-21 wurde man dann von den BRD Tornados oder Phantoms abgefangen.
RR: Deswegen durfte man in der DDR auch nur 100 km/h fahren, damit man nicht zu schnell am anderen Ende oder in einem anderen Land war.
TV: Trabant, Wartburg oder Saborosz fuhren doch auch gar nicht schneller.
RR: Sie wurden so konstruiert, damit die Leute mit ihren Autos nicht plötzlich die Staatsgrenze durchbrachen. (Anerkennendes Raunen aus den Reihen der Zuhörer.)
TV: Ich hole mir ein Glas Wasser…
RR: Die DDR, als kleines Land, war also so unanständig. Die Leute dort haben nicht geheiratet und dauernd rum gevögelt und Kinder gezeugt. Auch dich Timm. Und dann hat die DDR-Krankenkasse, die so gut wie nichts kostete zwei Abtreibungen pro Jahr bezahlt. Natürlich nur für Frauen.
(Ein Zuschauer steht auf und entreißt Rising eine selbstgedrehte Tabakzigarette, diese irrtümlicherweise für eine Haschzigarette haltend.)
RR: Ich möchte meine Idee noch einmal vertiefen. Große Länder – anständig. Kleine Länder – unanständig. Nimm doch mal Russland oder Amerika. Das sind beides zwei sehr anständige Länder. Sagen zumindest die Chefs von denen.
TV: Und sind sie es?
RR: Aus ihrer Sicht schon.
(Aus dem Publikum wird bemerkt, dass auch Holland, obwohl klein, ein anständiges Land sei. Luxemburg, die Schweiz… Ein anderer Zuschauer widerspricht dem. Belgien, ebenfalls klein, sei alles andere als anständig, was da gesoffen wird und in Estland… Es wüssten doch alle bescheid, was da los sei. Vor dem Podium beziehen Ordner Stellung. Sie drängen das aufgebrachte Publikum zurück.)
RR: Wir sammeln Fakten.
TV: Ist Saufen schlimm?
RR: Unanständig!
(Ein Zuschauer durchbricht die Reihen der Ordner und erklärt, dass Anstand Ästehtik sei und er sich da ab sofort heraushalte. Man solle doch viel mehr darüber reden, warum so viele deutsche Flaggen in Möckern und anderen Stadtteilen von Neu-Halle zu sehen seien. Die Ordnungskräfte entfernen ihn aus dem Rundfunksaal.)
TV: Ja, das hissen einer Flagge könnte als äußeres Zeichen von Anstand zu werten sein. Gerade die Farben der Bundesflagge stehen ja für Schwarz – den Kot, Rot – das Blut und Gold – den Natursekt. Hier möchte ich, Bezug nehmend auf ein früheres Gespräch fragen, in wie weit es dem Anstand widersprechen kann, kleine Mengen Kot zwischen den Fingern zu Kugeln zu rollen…
RR: Und an die Decke zu schnippen. Interessanterweise machen das ja alle kleinen Kinder und erst dann wird ihnen gesagt, dass sie es nicht tun sollen, weil es unanständig ist. Auch alte Leute rollen und schnippen ihren Kot.
TV: Und kann man denen auch sagen, dass das unanständig ist?
RR: Kann man. Das verstehen die aber nicht. Wir sprachen doch über Demenz (Oktoberausgabe von S/O-West Anm. d Red.). Die befreit die Menschen vom Anstand. Vom Anstand und vom Kapitalismus. (Infantiles Kichern aus den Reihen der Zuhörer.) Ist Kapitalismus vielleicht Anstand?
TV: Mir ist ganz schwummerig.
RR: Die DDR wird nächstes Jahr 70 Jahre alt. Wir wollen damit Geld verdienen. Und das ist anständig. Aber ich hab noch eine viel bessere Idee: Anstand ist tödlich.
TV: Wow!
RR: Früher sind mehr Menschen an ihrer eigenen Kacke gestorben als in Bürgerkriegen, weil sie sich überall mit ihrem Kot beschmierten und sich dadurch mit Krankheiten infizierten denen sie erlagen. Und da wurde den Menschen gesagt, Kacke ist schlecht, weil die Menschen ja nicht wussten, dass Kacke schlecht ist. Und heutzutage wird ja auch uns als Kindern erzählt: Kacke stinkt und wenn man vom Klo kommt, muss man sich den Hintern abwischen und die Hände waschen. Mit der Zeit ist daraus ein Tabu-Kult entstanden, nebst anhängender Reinigungsindustrie. Seife, Medizin, Hygieneartikel – die Leute haben Angst vor ihrer eigenen Kacke. Sie wurde tabuisiert, das ist schlimm, haram und was man nicht alles dazu sagt. Die Menschen entwickeln Allergien gegen Reinigungsmittel, das Wasser wird immer weniger und sie schämen sich zu kacken und können es nicht mehr. Aber darüber reden ist nicht erlaubt. Und dann kommen sie zum Arzt. Der Bauch ist wie eine Trommel gespannt, der Patient kaltschweißig und der Arzt teilt ihm mit: Wenn du vorher zu mir gekommen wärst, hättest du jetzt nicht an deinem Darmkrebs sterben müssen.
TV: Wieso denn Darmkrebs? Ich dachte nur Kacke ist tabu?
RR: Nee, der Darm ist wie Kacke. Darüber wird nicht geredet.
TV: Und warum?
RR: Na, weil der Anstand es verbietet darüber zu sprechen. Und das darf nicht sein. Nieder dem Anstand! Nieder mit dem Darmkrebs!
(Ein anerkennendes Raunen geht durch den Publikumsraum. Einzelne Zuschauer beginnen zu skandieren: „Nieder mit dem Darmkrebs!“, „Darmkrebs weg!“)
TV: Ich war beim Hautcheck und lass mir auch zwei Pigmentflecke entfernen.
RR: Warum?
TV: Die sollen raus, die sind verdächtig.
(Die Zuschauer skandieren: „Abschieben! Abschieben!“ Ordner versuchen vergeblich dem aufgestachelten Mob Einhalt zu gebieten, der bereits dazu übergangen ist, Teile der Studioeinrichtung zu stumpfen Waffen umzufunktionieren… unverständliches Geschrei, der Klang von berstendem Glas…)
RR: Timm, wir könnten damit Geld verdienen. Wir müssen noch viel mehr Geld verdienen.