Kurze Knackupunktur zum Thema: Öffentliche Emotionen

Leider kommt es auch in den Wirtshäusern des Leipziger Westens hin und wieder zu Handgreiflichkeiten. Nun sei es dahin gestellt, ob es überhaupt vonnöten ist, sich gegenseitig ins Gesicht zu hauen. Jedoch ist es bloß anständig, für solch eine Auseinandersetzung das Lokal zu verlassen.

Dass Menschen, in diesem Falle wohl durchweg männliche Menschen, überhaupt bereit sind, in aller Öffentlichkeit ihren mangelnden Intellekt fäusteschwingend zur Schau zur Stellen, ist durchaus traurig. Was mich jedoch fast noch trauriger stimmt, ist die Tatsache, dass praktizierte Gewalt im öffentlichen Raum zwar nicht geachtet, jedoch toleriert wird. Gewalt (und man bedenke, dass auch Worte gewaltsam sein können) wird sowohl auf den Straßen, als auch im Internet mit weitaus weniger Scham begegnet als der Liebe. Während es der Anstand gebietet, sich zum Prügeln vor die Tür zu begeben (und das nicht ohne viel Trara und Keiferei), so ist es nur anständig, sich für einen kurzen Koitus aus Klo zu verziehen – heimlich. Öffentliche Gewaltausübung hm okay – öffentliche Erotik absolut tabu. Auf eine traurige Art repräsentiert diese Gegenüberstellung (neben Vielem mehr) die Unzulänglichkeit der menschlichen Zivilisation. Freilich ist der Drang des Menschen, Machtverhältnisse durch Schlagabtausch zu eruieren, schnell auf seine evolutionsbiologischen Ursprung zurückgeführt. Der stärkste Macker in der Höhle hat in den patriarchischen Gemeinschaften der ersten Stunde den Ton angegeben. Während man sich für sexuelle Interaktion, während welcher man angreifbar und verletzlich war, in den Schutz einer abgelegenen Ecke zurückzog. Jedoch leben wir nun in einer (mehr oder weniger) aufgeklärten Gesellschaft und könnten uns endlich der Dominanz aggressiver Primaten entziehen. Sowohl politisch, als auch wirtschaftlich gelingt uns das bisher noch nicht. Gewaltausübung gehört sowohl auf physischer, als auch auf psychischer Ebene noch immer zum Tagesgeschäft wirtschaftlicher und politischer Institutionen. Das Gewaltmonopol liegt beim Staate, welcher sich zwar ganz anständig aus militärischen Interventionen rauszuhalten behauptet, jedoch – ebenfalls einer fürsorglichen Obrigkeit schicklich – mit Waffenexporten in kriegerische Regimes die Stabilität des heimischen Arbeitsmarktes gewährleistet. Dazu tragen selbstverständlich auch sanktionswütige Hartz-Methoden bei – welche gänzlich gewaltfrei und gemäß Artikel 1 GG dem unbeschäftigten Individuum den Weg zurück ins leistungsorientierte Sozialgefüge ermöglichen wollen. Es ziemt sich nicht, offenkundigen Irrsinn mit Steinen zu beschmeissen. Auch ist es nicht schicklich, sich zwischen friedlichen Jüngern des Dionysos eines vor den Latz zu geben. Alles in Ordnung soweit. Dass es der Anstand verbietet, Zuneigung und Intimität auf die Straße zu bringen, dass der Anstand Sex und Liebe mit größerer Hemmung belegt als Zorn und Aggression, ist schade. Aber es zeichnet sich hier tatsächlich eine positive Entwicklung ab: Seit 1924 ist Homosexualität in Deutschland keine Straftat mehr. Das bewaffnete Duell „zur Wiederherstellung der Ehre“ ist schon seit Kaiserzeiten verboten. Der Begriff des Anstandes im Bezug auf Gewalt und Liebe durchläuft also einen Wandel, zu welchem wir alle weiterhin fleißig beitragen sollten. Denn Homophobie und Prügellaune sind leider noch nicht strafbar. Daher liegt es an uns, zu einer anständigen Aufklärung unserer Mitmenschen beizutragen.

Es grüßt A.R.