Opa Anstand

Über dem Laden wohnen ein paar Menschen, die uns offenbar nicht mögen. Zumindest lieben sie uns nicht ganz so sehr, wie Ihr es tut. Sie sagen, wir seien zu laut, und beißender Qualm würde zwischen den Dielen im Wohnzimmer aufsteigen, was natürlich die heimelige Atmosphäre einer Nichtraucher-Zweck-WG nachhaltig beeinträchtig. Zu guter Letzt seien die in loser Formation geparkten Fahrräder vor dem Laden nichts weniger als eine Zumutung. << Hört, hört! >> 


Diese sich beständig wiederholenden, kommunikativ meist einseitig verlaufenden Interaktionen sind in Gänze derart unspannend, kraftraubend und für sich genommen herzlos, dass es kaum lohnt, näher darauf einzugehen. Außerdem ist es nicht wirklich anständig, sich in monatlichen Miniaturen über seine Mitmenschen nebst direkter Nachbarschaft auszukotzen. Glaube ich jedenfalls. Ist ja auch mitunter eine ziemlich subjektive Sache, so ein Gefühl. Kann dir also kaum einer erklären, was da das Beschte ist. Wobei noch abschließend zu klären bliebe, was es mit dem vielbeschworenen Anstand auf sich hat und ob es für unsere Zwecke nicht doch lohnender seien könnte, jedes Gefühl dafür eilig über Bord zu werfen. Mensch denke sich beispielsweise einen gewaltigen, redaktionell betreuten Shitstorm, der gänzlich all unsere Probleme aus dem Bereich Mitmenschen und ihre Belange einfach hinwegfegte.
<< Der verbindliche Treffpunkt zur Demo für den Erhalt des SUBBOTNIKS – ach was, der gesamten Leipziger Club und Kneipenlandschaft – ist morgen um 15:00 Uhr auf dem Augustusplatz. Es geht um ALLES, deshalb wird um Gehorsam gebeten! >>

Der sogenannte Anstand ist ja immerhin Thema dieser Ausgabe – was, nebenbei bemerkt, irgendwie witzig ist für eine Kneipenpostille. Wenn Mensch sachlich wäre, müsste sich jetzt eine Begriffsdefinition anschließen. Machen Philosophen so. << und wer säuft ist Philosoph und umgekehrt >> Ich werde es kurz machen: Einen fiktiven Aufruf zu einer Demonstration abzudrucken, gilt in der Regel als nicht besonders anständig. Ein gefundenes Portmonee, ohne sich des Tatbestands des Diebstahls schuldig zu machen, an seinen rechtmäßigen Besitzer zu überstellen hingegen schon. Obwohl vor dem Hintergrund einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft ein utilitaristisches Dilemma lauert. << Rein hypothetisch, versteht sich! >> Doch bevor ich noch anhebe, mich in pseudophilosophischen Erörterungen zu ergehen, um letztlich nichts weniger als vor dem Begriff des Anstands und dem dazugehörigen Gespür zu kapitulieren, möchte ich euch von dem viel interessanteren alten Mann aus dem dritten Stock erzählen.
<< So und jetzt voll Parabelstyle in biblischer Deepness Digga >>

Ich habe den alten Mann schon immer gemocht. Sein stets verschlossener Blick und seine mürrische und dennoch konsequent in sich gekehrte Art gestalten es bisweilen etwas schwieriger, unmittelbare Gefühlsregungen in der faltigen Gesichtswurst auszumachen. Deshalb ist nicht einwandfrei zu bestimmen, ob der alte Mann mich auch mag. Und nur weil er im Sommer mit unwirscher Handbewegung, leise Flüche ausstoßend, die Hipster vom Trottoir verscheucht, die dort auf unserer fancy DDR-Retro-Polsterware rumlümmeln und sich besaufen, ist auch noch lange nicht ausgemacht, dass der alte Mann nicht doch heimlich Subbotnikfan ist.

Früher, also quasi zu Versteck-Zeiten << Goldregen-Lametta >> war der alte Mann noch ein bisschen fitter. Ist viel weniger gehumpelt und hat auch sonst mehr gesprochen. War regelrecht zugänglich um die Gesichtswurst herum. Ist auch regelmäßig vorbeigekommen und hat sich zwei Augustiner für zwei Euro mitgenommen. Fußpils auf dem Weg in die 20 . << Benachbarte Nazikneipe Schrägstrich Reichsbürgerkaschemme sowie definitiver Zufluchtsort für verlorenen Seelen ab Gefühlspflegestufe 3, exakt zwei Straßen weiter >> Auf dem Weg in die oder aus der 20 habe ich den alten Mann oft getroffen. Wir beide sternhagelvoll, er gelehnt an die Holzpaletten vor dem Blumenladen. Blick in die Sterne. Nachdenklich hat er ausgeschaut, wenn er da so gestanden hat. Nachts, besoffen und mutterseelenallein. Einmal bin ich auch stehen geblieben. Nachts, besoffen und mutterseelenallein.

<< Gegrüßt habe ich immer. Aus Anstand nämlich! >> Da hat der alte Mann auf einmal zu reden angefangen und mir allerhand von sich erzählt – der alte Mann. Von seiner Frau hat er gesprochen und vom Tagebau, der Stadtreinigung, der Arbeit als Busfahrer und solchen Sachen. Hatte er alles durch, samt Herzinfarkt. Bis zum heutigen Tag kam noch der eine oder andere Infarkt jeweils oben drauf.
Ich erinnere mich daran, den Mann allen Ernstes gefragt zu haben, ob ein Infarkt denn schmerzhaft sei. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern mehr aus Naivität – ergo ernsthaftem Interesse. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was der alte Mann mir darauf geantwortet hat. Ich glaube er hat mir erzählt, dass er nicht mehr rauchen darf und es auch nicht mehr verträgt – davon haben wir gesprochen. Ich weiß noch, dass ich mich darüber gefreut habe, ein echtes Stück Erfahrungswirklichkeit mit dem alten Mann teilen zu können. Mal davon abgesehen, dass wir beide besoffen waren usw.. Manchmal hat er dann doch noch am Fenster geraucht. Zu diesem Anlass regnete es von Zeit zu Zeit brandgeschossartig glühende F6-Stummel in unseren Freisitz. Nicht weil der Mann uns etwa hasst oder gar aus in totale Abkehr von Welt gesteigertem Gleichmut oder sowas. Die erwähnten Brandgeschosse haben ihre mutmaßliche Ursache in etwas völlig anderem. Nämlich im plötzlichen Erscheinen der dicken alten Frau im Zimmer des alten Mannes. << Ob sie was riecht? >> Sie pflegt jetzt den alten Mann und er darf ja nicht mehr rauchen wegen der Infarkte und so. Wenn ich so darüber nachdenke, denke ich, dass der alte Mann ein Held ist. Allein schon weil er so ist, wie er ist. Ich möchte auch so alt und runzlig werden, genau wie der alte Mann. Ich stelle mir vor, dass dann von Zeit zu Zeit eine dicke alte Frau bei mir ist, die mich anständig pflegt. Zusammen liegen wir in einer milchigen Lache aus Glück und trinken warmes Import-Bier aus der Hipster-Kneipe, über der wir wohnen.

von
Patzy Looove