Seanaps Festival

Interview mit Enrico Mina, Mitveranstalter des SeaNaps Festival 2018 – Blockchain * Music * Conferences * Art

Standort West: Ihr plant ein Musik-Festival, welches an mehreren Orten in Leipzig stattfindet. Das ist auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich, aber ihr habt ein paar Besonderheiten, wie die Blockchain mit eingebaut, die euch dann doch von herkömmlichen Veranstaltungen dieser Art unterscheiden. Kannst du mir sagen, was es damit auf sich hat?
Enrico Mina: Als Ausgangspunkt sieht unser Team die erste Edition des SeaNaps Festivals: Auf der einen Seite haben wir die Intention, neue Gefilde experimenteller Musik in die Stadt zu bringen, auf der anderen Seite steht der Wille, herkömmliche Strukturen der Kulturindustrie zu hinterfragen und dabei Alternativen zu suchen. Dafür haben wir ein bargeldloses Zah-lungssystem kreiert, das uns ermöglicht mit unseren direkten Einnahmen während des Festival transparent umzugehen. Das Ziel ist, dem Publikum zeigen zu
dürfen, was es eigentlich heißt, für eine Kulturveranstaltung Geld auszugeben und gleichzeitig verpflichten wir uns, fair gegenüber unseren Partnern und Künstler*innen zu handeln. Wir sehen die Blockchain als ein Werkzeug, das zu einer Verbesserung der Lage von Kulturschaffenden und Kultureinrichtungen führen kann. Deswegen probieren wir sie aus.

Standort West: Mit Hilfe dieser Technologie stellt ihr also dem Publikum auch ein Werkzeug zur Verfügung, das einen Realitätsabgleich ermöglicht?
Enrico Mina: Auf eine gewisse Weise schon. Das Publikum ist wie sonst in seiner Stadt, besucht die üblichen Orte und verwendet – nicht für das erste Mal – ein bargeldloses Zahlungssystem. Trotzdem wird ihm ermöglicht, einen Blick auf die Struktur des Festivals, hinter jeder Zahlung zu werfen und seine aktive Rolle in der kulturellen Ökonomie wahrzunehmen. Mit dieser Technologie können wir Anregungen bezüglich des wichtigen Themas der Transparenz anbieten und den Besucher*innen die Möglichkeit geben, sich damit zu konfrontieren und die Transparenz möglicherweise auch in anderen Bereichen zu verlangen. Was wäre, wenn wir wissen könnten, wohin das Geld für ein Konzert, den Eintritt ins Kino, oder für 1kg Karotten im Supermarkt fließt?

Standort West: Theoretisch ist dieser Realitätsabgleich ja auch für staatliche Institutionen, wie z.B. das Finanzamt interessant. So könnten die Finanzströme jeglicher Einrichtung doch in Echtzeit erfasst werden. Nun sind jedoch nicht alle Betreiber von Kultureinrichtungen und gerade nicht die jüngsten Clubbetreiber als perfekte Buchhalter ausgebildet. Diese Betreiber hätten evtl. Vorbehalte gegenüber eurem System und sich in Echtzeitvia Blockchain in die Karten gucken zu lassen, weil sie aus Unwissenheit noch Fehler bei der Buchhaltung machen und sich nicht strafbar machen wollen. Trotzdem wären gerade diese Einrichtungen interessant für das Publikum, weil sie sich oft für ihre Eintritts- und Getränkepreise in der Szene rechtfertigen müssen. Wie geht ihr damit um?
Enrico Mina: Es ist wichtig zu sagen, jeder Ort, den wir als Festival besuchen, ist frei, den Grad an Transparenz zu wählen, der am Besten zu seinen Kapazitäten und Bedürfnissen passt. Abgesehen davon, die Blockchain zu „lesen“, ist nicht so automatisch/einfach wie man denkt. Wenn wir keine Verbindung zwischen unserem System und dem eines institutionellen Partners (z.B. Finanzamt) erstellen, ist die unendliche Liste an Mikrotransaktionen kaum durchschaubar. Die direkten Einnahmen auf unserem System zu zeigen, heißt nicht direkt sich von den Institutionen in die Karten sehen zu lassen. Außerdem kann man auf der Blockchain Transparenz und Anonymität sehr gut verbinden. Die Zusammenarbeit mit Institutionen ist trotzdem durchaus möglich: Im Juni z.B. haben wir für das Festival Les Siestes Electroniques (Toulouse, FR) erfolgreich mit dem Sacem (die französische GEMA, aber ein bisschen cooler) kooperiert und die Gebühren für Künstlerrechte in Echtzeit und für Jeden* (natürlich auch das Publikum) während des Festival einsehbar ausgezahlt. Die Vorbereitungen welche die Gewerbetreibenden/Einrichtungen haben, um die Kosten für jedes einzelne Getränk aufzuschlüsseln, benötigen natürlich ein bisschen Arbeit und Erfahrung, aber was man daraus gewinnen kann, ist die Möglichkeit einen Raum für den Diskurs über die kulturelle Ökonomie zu schaffen. Die Einrichtung kommt mit dem Publikum in direkten Kontakt, indem sie den Preis des Getränks nachvollziehbar machen kann.

Standort West: Aber neben all der technischen Innovation, wird es ja auch noch Musik als Mittelpunkt bei eurem Festival geben. In wieweit spiegelt sich diese
die Realität wieder oder nimmt dazu Abstand?
Enrico Mina: Während die Edition vom letzten Jahr „das Experiment“ genannt wurde, weil sie eine enge Verbindung mit dem Lauftest des Zahlungssystems hatte, hat das musikalische Programm dieses Jahr den Mittelpunkt deutlich übernommen – und darauf freuen wir uns sehr. Unter dem Motto „No human is an Island“ wollen wir experimentierfreudige und genre-unspezifische Musik von Künstler*innen aus 12 Ländern mit Ausstellungen, Konferenzen und neuen Technologien zusammenbringen. Verschiedene Konzertreihen bilden den Kern des musikalischen Programms und werden in diesem Jahr durch Clubnächte ergänzt. Kooperationen mit Plattformen wie SHAPE sowie die Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern sind intensiver geworden. So entstehen über 30 Musikperformances, zwei Premieren und ein einzigartiges Line-Up Freitag Nacht im IFZ.

Standort West: Habt Ihr sonst noch ein paar Worte an unsere Leser?
Enrico Mina: Dieses Jahr ist der Großteil des Programms kostenlos und es lohnt sich, das ganze System auszuprobieren. Am Sonntag wird auch eine Konferenzreihe stattfinden, in der verschiedene Themen bearbeitet werden. Es geht dabei unter anderen darum, wie neue Technologien und bottom-up Initiativen sich ergänzen können und wie die Lage der freien Szene in Leipzig ist.
Besucht uns ab Donnerstag (11.10) im Noch Besser Leben, Westflügel, und andere Venues der Stadt und genießt mit uns die Musik und die schöne Atmosphäre dieser Orten.

www.seanaps.net

SEANAPS-FESTIVAL
*****
Fr, 12.10.: DAY II

NBL: Beatdenker (wonky Hip-Hop Beats, fette Neurofunk Bässe, wobblige Dubstep Bounces gepaart mit verträumten, technoiden Melodien)
20.00 – 22.00Uhr, danach DJ-Set

Sa, 13.10.: DAY III

NBL:

Don Gero (Treffpunkt zwischen einem perkussiven Ansturm und elektronischer Traumwelt)
Brin (Hypnotische Sample-Collagen, welche durch skizzierte Welten und intime Momente führen)
19.30 – 22.00 Uhr, danach DJ-Set