Reissig und Völker müssen reden (02)

Reißig und Völker müssen reden (2) – Diktatur des Gedächtnisses vs. Demenz-Kommunismus
Rising Reißig (Arzt, Produzent und Wirt) und Timm Völker (Musiker und Patient) sprechen über das Thema der aktuellen Ausgabe. Sie bemühen sich stets darum, möglichst nah dran zu bleiben und gegen ihre Tendenz Fantasmagorien zu bilden anzukämpfen. Wie gut ihnen das gelingt, entnehmen sie bitte folgendem Gesprächsausschnitt:

TV: Das knistert hier aber schön. Diese ledernen Stühle. Rising, hallo!
RR: Hallo Timm.
TV: Zweite Ausgabe „Reißig und Völker müssen reden“. Unsere erotische Reise durch das NBL-Haus.
RR: Ein erotisches Meisterwerk.
TV: Wir sind eine Etage höher gerückt, Mr. Mojo is rising. Realtitätsabgleich ist das Thema. Das Zimmer in dem wir uns befinden wurde am letzten Wochenende durch einen echten Cowboy als Wohnstätte genutzt und er funktionierte den Papierkorb zum Urinal um. In mir warf das die Frage auf, was einen Menschen dazu treibt, so etwas zu tun und ob das dann schon eine Realitätsveränderung ist.
RR: Ich kann mir vorstellen, wenn so ein Cowboy sich nach Leipzig verläuft und früh morgens aufwacht, dass er dann total erschrocken ist. Und dieses Erstaunen unterstreicht er dadurch, dass er in den Papierkorb pinkelt. Damit die Desorientiertheit und damit Nicht-Realität auch zu einer Art Realität wird.
TV: Er bestätigt dadurch seine desorientierte Realität?
RR: Wenn wir jetzt hier so eine Art gefilmtes Feuilleton machen würden, dann würden wir so tun, als wüssten wir es. Aber wenn du wissenschaftlich ran gehst, müsstest du konstatieren: wir wissen es nicht. Und da unser Anspruch ist, wissenschaftlich zu arbeiten, werden wir uns nicht auf Spekulationen einlassen.
TV: Wort! Als ich dir mal wieder berichtete, dass ich nach bemühten Phasen der Abstinenz intensive Sauf-Exzesse durchlebt habe, hast du vom sogenannten Realitätsabgleich gesprochen, den der Mensch mit abhängiger Persönlichkeitsstruktur durchführen muss. Was genau heißt das?
RR: Der Suchtkranke geht in die Klinik, lässt sich therapieren, lässt sich nochmal therapieren, verbringt viele Monate seines Lebens damit, dass ihm Leute erklären, dass das mit dem Alkohol-Trinken schlecht sei. Da nickt er auch freundlich und trinkt nicht. Aber nach ungefähr ein oder zwei Jahren besäuft er sich dann wieder. Er hat einen Rückfall und dann schimpfen wieder alle mit ihm und sagen: „Du musst wieder in die Klinik, du bist ein böser Mensch.“ Aber wenn man da mal richtig rangeht und mit dem Menschen spricht und ihm sagt: „Schön, dass du so lange auf Alkohol verzichtet hast, das ist ja wunderbar, da lass uns mal weitermachen.“ stellst du fest, dass der Mensch nicht glaubt, dass er Alkoholiker ist. Das kann er sich nicht vorstellen. Und deshalb muss er immer mal wieder trinken, um sich rückzuversichern.
TV: Er muss sich rückversichern, dass er trinkt?
RR: Dass er Alkoholiker ist! Es ist übrigens seit Menschengedenken noch nie jemand freiwillig in die Psychiatrie gekommen. Man wird von seinem sozialen Umfeld da hin getrieben. Und wenn jemand eine Abhängigkeit hat, dann ist das ja seine Persönlichkeit. Aber weil der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, muss er sich anpassen und unterdrückt das. Aber irgendwann muss es mal raus. Vielleicht führt der Trinker, der seit 10 Jahren trocken ist, ein fremdes Leben und will wenigstens ein- zweimal mal er selbst sein. Aber das wird so hochgradig diskriminiert, dass es nur selten gelingt.
TV: Schrecklich.
RR: Dazu fällt mir noch ein Film ein, den ich einst sah: Die Nazis haben im zweiten Weltkrieg vergeblich versucht einem gefangenen amerikanischen Agenten sein Geheimwissen zu entlocken. Dann haben sie ihn in tiefen Schlaf versenkt und ein amerikanisches Lazarett nachgebaut, sich amerikanische Uniformen angezogen, amerikanische Zeitungen gedruckt, ihn aufgeweckt und gesagt: „Du, der Krieg ist vorbei. Wir haben gewonnen.“ Und sie ließen ihn in Ruhe. Manchmal trat jemand an sein Bett heran, um ihm mitzuteilen, dass er während des Krieges eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte und im Koma lag. Man sagte ihm, er sei Agent gewesen, aber das sei jetzt auch nicht mehr so wichtig. Sie versuchten ihn zu manipulieren, sodass er sein Wissen auspackt. Und er wusste, er kann jetzt berichten, muss nichts mehr geheim halten, aber etwas in ihm sträubte sich dagegen. In dem Film wird die Fremdheit dargestellt, mit der wir durch die Welt gehen. Da wir aber Menschen sind, wollen wir ja mit anderen eine gemeinsame Welt haben und fangen an, an sie zu glauben. Aber irgendetwas lässt uns zweifeln.
TV: Ich muss kurz schauen, ob die Kamera noch läuft. Ja, der rote Punkt ist noch da. Ich klappe das Display mal um. Da können wir uns rückversichern, dass wir real sind und die beiden auf dem Display das Abbild.
RR: Sicher sein können wir uns da nicht. Ich hatte bis zu dem Moment vorhin, in dem du mich danach fragtest, geglaubt, es gibt eine Realität in der wir uns bewegen. Und wir gleichen unsere konstruierte Innenwelt mit dieser äußeren ab. Aber jetzt wird mir klar: es gibt zwei Realitäten und man erzeugt zwischen beiden Realitäten ein Wurmloch, eine Schleuse durch die diese beiden Welten ineinander diffundieren. Vielleicht gibt es normalerweise gar keine Korrespondenz zwischen ihnen und wir müssen als Menschen immer wieder solche Momente herbeiführen.
TV: Was für Momente?
RR: Wo es statt eines Abgleichs einen physikalischen Realitäts-Ausgleich gibt.
TV: Wird dieser Prozess durch die Einnahme von Substanzen in Gang gesetzt oder durch Denkprozesse und Handlungen? Wie kommen die Welten in Kontakt?
RR: Ich sehe die Reflexionen des Lichtes auf dir, nehme sie auf, aber nicht als Film sondern als Fragmente. Und in meinem Gehirn werden diese Fragmente mit meinem Gedächtnis verknüpft, mit dem was ich mir schon gemerkt habe über das Leben und die Welt. Und dann fange ich an aus den Schnipseln von außen und denen in mir drin einen Film zu basteln. Und den Film spielt mir mein Gehirn vor und suggeriert, dies sei die Wirklichkeit, dies seist du. Und ich vermute, dass wir Menschen, wenn wir darüber nachdenken, unter dieser Konstruktion von Wirklichkeit leiden. Denn wir mögen es nicht, dass uns eine Wirklichkeit vom eigenen Gedächtnis aufgezwungen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die sich in Selbstreflexion üben, an so etwas wie den eigenen Willen glauben. Man sollte das eigentlich nicht. Tut man es dennoch, bekommt man schlechte Laune. Weil man erkennt, dass der Bauplan des Gehirns einen davon wegdrängt und dann versucht man eine physikalische Entladung herbeizuführen. Und dafür sind Substanzen gar nicht schlecht.
TV: Ich hätte schon gern einen eigenen Willen. Wenn ich den Willen habe Brokkoli zu kaufen und der in der Kaufhalle alle ist, komme ich da aber recht schnell in den Bereich physikalischer Entladung.
RR: Geh mal einen Schritt zurück. Warum willst du den Brokkoli denn kaufen? Weil deine Großmutter den immer für dich am Wochenende gekocht hat und du, wenn du Brokkoli siehst immer so ein warmes weiches Gefühl von plüschigen Wohnzimmern bekommst und du dich erinnerst, dass du nach dem Essen noch 5 Mark Taschengeld bekommen hast. Also kannst du froh sein, dass es den nicht gibt, weil du so aus dem inneren Zwang Brokkoli zu kaufen hinaus gelangst.
TV: Das ist richtig. Aber will ich denn überhaupt raus aus diesem inneren Zwang? Ich habe eine Vergangenheit als Plastikmodellbauer. Flugzeuge und Panzer. Und als Modellbauer strebte ich an, eine Wirklichkeit nachzubilden. Ich baute einen Leopard 1 oder Spähpanzer Luchs in klein nach und versuchte das so realistisch wie möglich zu machen, um Kontrolle über eine eigene verkleinerte Realität zu erlangen. Und ich denke, dieses Nachbauen der Welt setzt sich in meiner jetzigen Tätigkeit als Musiker fort. Es ist eine geschützte Welt, die ich erschaffe und versuche unter Kontrolle zu haben im Gegensatz zur „echten“ Welt.
RR: Aus meiner Sicht gehören Modellbau und Musikmachen nur scheinbar zusammen. Auch ich klebte als Kind kleine Flugzeuge zusammen und habe sie dann irgendwann mal mit dem Luftgewehr zerschossen oder angezündet. Man baute sich da ein Abbild von der Wirklichkeit, dass keines war.
TV: Weil die Qualität und Originaltreue der Modelle damals sehr dürftig war…
RR: Ich war frustriert und fing an sie zu zerstören, wusste aber gleichzeitig, dass es mir nichts nützt, denn ich bin in dieser Welt hier gefangen und das Modell machte mir dies nur umso bewusster. Es war ein Ritual ähnlich dem eines Vodoo-Anhängers. Ich erschaffe einen Fetisch und zerstöre ihn.
TV: Um mich davon zu befreien.
RR: Ich persönlich glaube nicht an die Befreiung. Aber der Fetisch, das Zerstören des Modellflugzeugs gab mir die Möglichkeit Luft abzulassen, über die Wut auf die unglaubliche Frechheit der Biologie und Evolution, die mich in diese Unfreiheit getrieben hat. Bei der Musik ist es aber anders. Wenn du Musik machst, wird dein Gehirn geöffnet für kommende Lerneffekte. Es könnte also bei dir sein, dass du Modellbau betrieben hast und dann so frustriert warst, dass du die Modelle weggeschmissen und zur Gitarre gegriffen hast in der Hoffnung dem Realitätsdebakel irgendwann zu entkommen.
TV: Ich glaube an die heilende Kraft des Rock’n Roll und dass er mir hilft klar zu kommen. Aber ich muss schon selbst was dafür tun.
RR: Es gibt sehr viele glückliche Menschen auf der Welt die religiös fundamentalistisch sind. Die müssen über so was nicht nachdenken. Blöderweise sind wir beide historisch gesehen Kinder der Aufklärung, zu der noch die blöde DDR mit ihrem Wissenschafts- und Kommunismusscheiß hinzukam und das alles bringt einen dazu, darüber nachzudenken, ob es nicht immer nochmal anders oder besser geht. Aber das geht mit dem Menschen nicht. Das einzige was passiert ist, dass du dann noch stärker merkst, dass du nicht rauskommst aus deiner eigenen Persönlichkeit.
TV: Aber ich bin lieber aufgeklärt und frustriert, als unwissend und gläubig.
RR: Es gibt einen Ausweg: Die Demenz. Stell dir vor ich nehme, wie oben erwähnt, die Information Timm Völker auf und verschalte in meinem Gehirn die zerhackten Standbilder von Timm Völker mit meinem Gedächtnis. Das ist ein innerer Zwang den ich habe und ich werde nie den echten Timm Völker erkennen können. Bin ich dement, hat das Gedächtnis keine Macht und das Bild von dir fährt direkt in mein Gehirn hinein, ohne das vorher meine Gedächtnisinhalte drauf geprägt werden. Es wird kein Film erstellt, der mir begründet, wer Timm Völker ist und ich würde den einzig echten Timm Völker sehen. Mir ist folgendes klar geworden: In einer kapitalistischen von Besitz geprägten Welt werden Erinnerungen als Kapital angesehen. Die Menschen fahren ständig in den Urlaub und machen Fotos, die sie sich nie wieder anschauen, weil gesagt wird, dass ein Leben, je länger und je reicher an Erinnerungen es ist, an Wert gewinnt. Aber die Idee des Wertes hat was mit Besitz zu tun. Die Menschen glauben, sie besitzen ihre Erinnerungen und das ist meines Erachtens eine kapitalistische Idee. Der Wunsch danach alles zu besitzen führt dazu, dass dich der Wunsch besitzt. In diesem Falle besitzen dich deine Erinnerungen. Die Demenz dagegen ist die ultimative Form des Kommunismus. Der Demenzkranke ist frei und besitzlos und taumelt durch die Welt und sieht in einem Glas mit Campari Soda nur einen Zylinder mit einer roten Flüssigkeit darin. Er schaut sich das begeistert und sehr genau an und ist frei davon es zu bewerten oder besitzen zu wollen.
TV: Hat er nicht trotzdem das Verlangen danach, den Inhalt zu trinken und ihn damit zu besitzen?
RR: Nein, er hat ja vergessen, was trinken ist. Und das ist meiner Meinung nach die ultimative Befreiung aus der Versklavung des Gedächtnisses. Denn der Feind sind nicht die Nazis, die Juden, die Verrückten oder die Linken, Ausländer oder Rechten. Der Feind ist das Gedächtnis, weil es mich zwingt, immer das selbe zu denken. Ich sei Rising Reißig, ich sei ein Mann, ich stamme aus dem Land der Aufklärung. Und schon kann ich nur noch diesen einen Denkweg beschreiten. Und das ist eine Diktatur die es zu stürzen gilt, in dem sich die Kräfte der Demenz vereinen.