Mein Bauch gehört uns

Als ordentlicher Schankbetrieb – kurz als Ort der Kultur – sind wir es gewohnt, von unseren Anhängern gefeiert und den Nachbarn gehasst zu werden. Obwohl jede einzelne der uns spontan dargebotenen Sympathie- beziehungsweise Hassbekundungen für sich genommen schon eine unschlagbare Einzelperformance darstellt, entstammen sie allesamt einer diffusen Gefühlsregion, die ich frei vom Bart weg irgendwo zwischen dem Cerebrum (Großhirn) und dem Duodenum (Zwölffingerdarm) lokalisieren möchte. Die Rede ist natürlich von der Magengrube, denn ihr entstammt das Bauchgefühl, das ich in seiner zähen Unberechenbarkeit und seinem unbedingten Despotismus zum Gegenstand dieser Betrachtung erheben möchte. Nun ist das mit dem Bauchgefühl so eine Sache, so verlässlich es auch für alle möglichen Entscheidungen verantwortlich zeichnet. Vage bleibt es allemal. Dazu kommt, dass die Schnittmenge aus Hirn und Darm, also die sogenannte Realität, immer luzider oder vielmehr brüchiger wird. Nicht selten ist sie selbst nur noch Gegenstand des Bauchgefühls und verkommt allenthalben zur Privatsache. Schwierig wird es meistens dann, wenn eine kritische Masse Eindruck, die eruptiv zur Mitteilung drängt und nicht selten Anlass zur regen Empfindung gibt, sich ums Verrecken nicht deckungsgleich zur Einschätzung des Gegenübers verhalten will. Ich würde in solchen Fällen gern die Hotline des Bundesamtes für Realität anrufen und um Klärung des Konfliktes bitten. << Hallo Hallo? Sind Sie jetzt verkehrt? Oder ist das nur in meinem Kopf so anders? Ist auch wurscht! >>
Am Ende geht es immer um die Vermittlung von vielerlei Subjektivem, das durch zähe Verhandlungen in Realität eingetauscht werden kann. Solange dieser Kuhhandel gelingt, ist alles Erdbeerkuchen. Indes, ein dauerhaftes Scheitern dieses kommunikativen Ideals markiert nichts weniger als den Wahnsinn, den Punkt, an dem Gesellschaft für den Betroffenen gemeinhin aufzuhören beginnt. Schade Schade. Und doch geschenkt!
Vielleicht lohnt es sich an dieser Stelle, viel Verworrenes und Abstraktes mit etwas Lokalkolorit anzureichern, um die ganze Sache mit dem Wahnsinn und der kollektiv zusammengeleimten Realität etwas plastischer zu machen. Nicht wahr? Und was eignet sich besser dazu als eine indiskrete Anekdote: << Es begab sich also zu einer Zeit in der sich Fuchs und Hase gute Nacht…. >> Wie eingangs bereits kurz angedeutet, wirst Du als beweglicher Teil einer Bar ständig mit verschiedenen Interpretationen ein und der selben Sache Welt konfrontiert. Ist quasi dein Job, in dem Du je nach Möglichkeit, Neigung und/oder Tagesform als diabolischer Agent Provocateur oder als gutmütiger Vermittler auftrittst. Im Kontakt mit dem Gast reicht es zur später Stunde oftmals schon, recht verständig dreinzuschauen, um entsprechende Vibes durch den Space zu senden. Bei Nachbarn und Staatsgewalt, gemeinhin Vertreter einer externen Realität, gestaltet sich die Sache schon weitaus schwieriger. Ich glaube, das Problem beginnt oftmals schon vor dem eigentlichen Konflikt, nämlich beim Selbstverständnis, der um Realität oder vielmehr Deutungshoheit ringenden Parteien. Als BarMensch ist der braven Seele ein genuines Selbstverständnis als gütige Ordnungsmacht zu eigen, die der von außen eindringenden und Beschwerde führenden Kraft zwingend verborgen bleiben muss. Ist für sie doch alles zusammengenommen in der Hauptsache erstmal Ruhestörung – nur Gott weiß was sonst noch -, die es rigide und im Brustton der Überzeugung zu bekämpfen gilt.
Da kommt der Mensch hinterm Tresen gerade recht, Klammer auf wenig bewegliches Ziel Klammer zu, um als erster Ansprechpartner beizuspringen. Was dann folgt, sind in der Regel komplizierte und wenig herzliche philosophische Erörterungen über das Sein in der Welt sowie spontan improvisierte Abhandlungen über physikalische Phänomene, die sich überwiegend in Dezibel, ferner in Groll, ausdrücken lassen. Interessant ist dabei lediglich, dass für beide diametral entgegengesetzte Themenkomplexe das oben anatomisch einwandfrei bestimmte Bauchgefühl seine unumstößliche Deutungshoheit beansprucht. Und so stehen sich erneut die emotionalen Auswüchse von Selbstgerechtigkeit und gesundem Volksempfinden mit Pistolen im Morgengrauen gegenüber. Der Ausgang dieses ewigen Duells bleibt bisweilen offen. Eine fast schon filmische Szenerie setzt sich bei dem Gedanken an das hastig entworfene und zugegeben ordentlich schiefe Bild vor meinem geistigen Auge in Bewegung: Wolken zerfetzten sich in der Weite des geistigen Horizonts. Argumentationen drehen sich hübsch im Kreis. Stumpfsinn steht treu Spalier.
Ein Hauch von Morgenluft – ein Hauch von Herbst und der Himmel darüber.

Patrice