Kurze Knackupunktur

zum Thema: Falsche Influenza vom Netz auf die Straße!

Auf einem der zur Zeit beliebtesten „Sozialen Netzwerke“ erfreut sich ein Roboter stetig wachsender Beliebtheit. Die künstliche Intelligenz M. erzieht mit jugendlichen Schnappschüssen aus dem Jetset-Leben eines Avatars ihre Fangemeinde von schlappen 1,4 Millionen Personen zu ausgewachsenen Narziss-ten und Narzisstinnen und wirbt zwischen Selfies und subtilen Lifestyle-Dogmen für Prada und Menschenrechte. Ihre genau so wenig reale, jedoch kaum weniger populäre Gegenspielerin B. verbreitet ihrerseits rechtskonservative Platitüden und hat M. obendrein den Boyfriend ausgespannt. Am interessantesten ist an den beiden politisch einander konträr aktiven virtuellen Influenzas allerdings, dass beide demselben US-amerikanischen IT-Startup entlaufen sind. Warum das Ganze? Keine Ahnung. Es stimmt mich jedoch zufrieden und gelassen, dass kaum jemand vom hiesigen Kiez bisher jemals etwas von den beiden vernommen hat. Die gute alte Filterblase hat den Leipziger Westen bisher erfolgreich vor dem Einfluss schmalgeschalteter KI-Bratzen beschützt. Das ist gut. Aber Vorsicht! Auch
zum Thema: Falsche Influenza vom Netz auf die Straße!innerhalb unseres kleinen, unsichtbaren Doms aus Tabakqualm und Schnapsdunst sind Meinungsmacher unterwegs, Konsumbanausen, Kulturdogmatiker, und man findet sogar gänzlich geistig Verwirrte mit Konföderierten-Flaggen im Fenster. Auch wenn es angenehm ist, dass unser kulturelles Leben diesseits der Elster ohne Nonsens postulierende Roboter auskommt – im Schlaraffenland leben wir nicht.

Erinnern wir uns bloß daran, dass die AfD bei den Bundestagswahlen im letzten Jahr bei jedem zehnten Plagwitzer auf Zuspruch stieß. In Neulindenau wurden die wutstampfenden Demagogen und jene, die es werden wollen, mit fast 24 Prozentpunkten sogar stärkste Kraft der Nachbarschaft, in welcher somit ein Viertel (!) der dort Wohnenden Schulterschluss mit Hitlergrüßenden sucht. So schön es auch ist, dass wir nicht jeden dämlichen Internet-Trend mitzumachen brauchen, so schade ist es auch, dass wir gewisse Gegebenheiten akzeptieren, welche nicht einmal toleriert werden dürften. Auch AfD-Wähler gehen in Kneipen, rechte Ideologien sind auch im Leipziger Westen wieder salonfähig geworden. Freilich wird der ein oder die andere nun rufen „Mache halb lang, Mensch!“, doch genau dort liegt die Hundekrawatte begraben. Wir als Kunst- und Kulturschaffende des Leipziger Westens sind schnell dabei, wenn es darum geht, gegen vermeintliche Einschränkungen hedonistischer Entfaltungsmöglichkeiten aufzuschreien, nehmen jedoch die offene Zurschaustellung klar xenophob konnotierter Symbole auf der Zschocherschen Straße einfach hin, als sei das Problem mit der Räumung der Odermannstraße 8 vor ein paar Jahren vom Tisch.

Öffentliche politische Positionierung ist schon lange obligatorisch und auch die politische Aktion muss zurück in das Pflichtprogramm kunst- und kulturschaffender Institutionen gerückt werden. Zumindest ein gewisses Maß an Streitkultur und Diskursbereitschaft sollten doch drin sein, in einer Zeit, in der so viele Jugendliche bei mangelnder Kommunikation ob totaler Einsamkeit zu implodieren fürchten. Vielleicht sollten wir die beiden eingangs vorgestellten Avatare einmal für einen Workshop in den Salon einladen, um von ihnen etwas zu lernen über politische Arbeit im Jahr 2018.

Es grüßt A.R.