Kunst im Subbotnik – Interview mit Bodo Hansen

Hinter den Bergen
Über Partys, Bullen, Synths & Shanties
Ein Interview mit Bodo Hansen

Gerade neulich – es muss wohl Redaktionssitzung gewesen sein -, haben wir mitunter Großes beschlossen: In Zukunft << wir sprachen in der letzten Ausgabe davon >> soll nun endlich Schluss sein mit gewohnt selbstreferenzieller Nabelschau und bestenfalls zirkulären Verweisen auf hauseigene Kulturevents. Wir als frisch gebackenes redaktionelles Team des Standort West haben uns vielmehr entschlossen, die Augen hübsch offen zu halten und unseren kulturellen Horizont beständig zu erweitern. Konkret geht es darum, unseren inhaltlichen Fokus ein wenig zu justieren und Euch einen zusätzlichen informellen Mehrwert zu bieten. Wie das genau aussehen soll? Naja, es wird in jedem Fall geil! Timm Völker spricht zum Beispiel gleichzeitig mit Sven Glatzmaier, Frank Berger und dem Papst über politische Vorlieben & das derzeit favorisierte Leibgericht und weil es thematisch so schön anschließt, über verschiedene Facetten von Realität, das Leben als Kulturschaffender und/oder Penner, im Spannungsfeld von Bühne, Bar & Residenz und sowas.
Ich habe mir gedacht, das kann ich ohne Probleme toppen und bin erstmal in den Osten abgerauscht, um mit Bodo Hansen über seine neue Platte zu sprechen. Da kann er mir gleich noch etwas zu seiner herrlich verstörenden und latent surrealen Malerei erzählen, die es ab dem 19/10/18 19:00 UHR im SUBBOTNIK zu bestaunen gibt. Unnötig zu erwähnen, dass die TRAM 7 nicht so richtig zum Torgauer Platz fährt und ich mich am Ende schrecklich verlaufen habe und nur deshalb eine knappe halbe Stunde zu spät im malerischen Innenhof des Gemeinschaftsateliers im Leipziger Osten einlaufe. Endlich angekommen, treffe ich auf eine entspannte Dreierrunde mit freundlichen – mutmaßlich kreativen – Menschen. Habe Mitschriften gemacht.

<<Zeremonielle Begrüßung / Einleitende Worte / I Szene, II Akt. >>

Patzy: Hei
Elias: Servus
Noëlle: Hallo
Bodo: Hallo
Patzy: Kann sein, dass die Frage dumm ist, ich habe mich aber trotzdem entschlossen, sie Dir zu stellen.
Bodo: Jetzt kommt’s.
Patzy: hansen_windisch ist in meiner Welt, ein sagen wir, queeres, performativ-musikalisches Kunstprojekt. Hat Deine Arbeit respektive Dein Schaffen einen politischen Aspekt?
Bodo: Auf einer ganz versteckten Ebene vielleicht.
Patzy: Erzähl mal.
Bodo: Für mich gibt es keinen großen Unterschied zwischen der Kunstperson und der Privatperson und als Privatmensch bin ich natürlich auch politisch. Ich habe auch nicht vor, dem Publikum etwas zu erklären- zumindest nicht bewusst. Es ist vielmehr so, dass, wenn ich zurückblicke, mehr über den politischen Ausdruck stolpere. Das Meiste passiert da wohl über Abgrenzung. Gar nicht mal so sehr darüber was gesagt wird, sondern vielmehr darüber was nicht passiert oder dass wir bestimmte Dinge einfach nicht tun. Ein bewusster politischer Ansatz ist mir aber in den seltenen Momenten der Reflexion aber bisher noch nicht begegnet.
Patzy: Interessant!
Bodo: Findest Du? Politik definiert sich ja viel zu oft zu oft über das Nein-Sagen. Ist am Ende reine Oppositionspolitik. Ich finde es zum Beispiel interessant, anstelle von <<Nein>> <<Ja>> zu etwas anderem zu sagen. Ist ja auch ein Ansatz.
Elias: Ein schöner Ansatz, wie ich finde. Für mich ist Politik ein ziemlich weites Feld. Am Ende ist alles politisch. Nicht nur die offizielle Beamtenpolitik, sondern auch unser Gespräch – so wie wir jetzt zusammensetzten und Dinge verhandeln – all das ist Politik.
Patzy: Am Ende ist wirklich alles Verhandlungssache; zum Beispiel Meinungen und Eindrücke die Mensch hat, am Ende sogar die Realität als Ganzes.
Bodo: <<Whuut?>> Sprichst Du von sowas wie unterschiedlichen Realitäten, die am selben Ort unsanft aufeinander krachen?
Patzy: Ja, so in etwa. Würde ich sagen.
Bodo: <<lacht>> Damit kenne ich mich gut aus.
Patzy: Bleiben wir im Thema. Du warst Clubbesitzer?
Bodo: Ja, Anfang 2000 in Neu-Ulm.
Patzy: Erzähl mal! Hattest Du nen Techno-Club?
Bodo: <<lacht>> Nee, mehr so Bar Schrägstrich Café mit regelmäßigen Konzerten.
Patzy: So ungefähr wie das NBL?
Bodo: Naja, nicht ganz! Das Booking – <<MEIN BOOKING>> – war echt etwas Besonderes. Ich habe damals schon eigentlich nur das gemacht, wozu ich auch wirklich Lust hatte. Zu dieser Zeit hieß das: Einen eigenen Club haben und eben nur Bands einladen, auf die ich extrem Bock habe. Eine ganze Zeit lang lief das sehr gut für mich. War zwar ne Menge Arbeit, aber wir machten den Club mit viel Liebe zur Sache und sowas spricht sich halt rum.
Patzy: Auch in New-Ulm?
Bodo: Auch in Neu-Ulm! Der Club lief ein paar Jahre. Angefangen haben wir zu dritt, recht schnell war ich nur noch alleine dabei. <<versonnener Blick, geht in erinnerungsschwangeres Lächeln über>> Wenn ich so zurück blicke, war das eine ziemlich wilde Zeit. Am Ende war ich um ein paar Erfahrungen reicher und hatte rund vierzigtausend Euro Schulden.
Patzy: <<altkluge Wortmeldung>> Dafür kann Mensch sich nicht mal einen Meter deutsche Autobahn kaufen, steht so zumindest bei Hannekamp.
Bodo: Na dann!
Patzy: Und ungefähr zu dieser Zeit fing die Sache mit der Malerei an?
Bodo: Im Grunde habe ich angefangen, Flyer für den Club zu entwerfen. Kleine surreale Zeichnungen und fies-verspielte Kritzeleien, zum Teil am Computer nachkoloriert. Ich muss damit wohl irgendeinen Nerv getroffen haben, denn schnell hatten meine Figuren und Bilder ein paar echte Fans. Freunde und Gäste ermutigten mich, auf größere Formate zu gehen und am Ende auch auszustellen. Ich habe ja nie Kunst studiert oder sowas!
Patzy: Geil! Was wirst Du zu deiner Ausstellung im Subbotnik zeigen?
Bodo: Einen kleinen Ausschnitt denke ich. Wird eine Überraschung!
Patzy: Reden wir über Musik. Du bist von Hause aus Bassist. Wie habe ich mir das vorzustellen? Bodo in ner Punkband?

Bodo: Ist das so schwer vorzustellen?
Patzy: Nee eigentlich nicht! Gibt es eine Combo, die Du in besonders guter Erinnerung hast?
Bodo: An die Matrosen erinnere ich mich sehr gern. Ein altes Duo von mir. Wir haben damals nur Shanties und Songs, in denen das Wort Johnny vorkam gespielt. In Eigeninterpretationen versteht sich! Das Ganze war mehr eine Performance und ein bisschen trashig.
Patzy: Wie kamst Du zur Elektronik?
Bodo: Das ist eine lange Geschichte – Mitte/ Ende 90er würde ich sagen. Das lief schon immer irgendwie parallel zu meinen Bandprojekten. Schwer zu sagen, wo da der Anfang und das Ende ist. hansen_windisch ist zum Beispiel direkt aus einen Kunstprojekt heraus entstanden.
Patzy: Cool! Erzähl mal!
Bodo: Wir waren zu einer Residenz in Salzburg eingeladen. Über LINDENOW lief das damals. War alles irgendwie enger und aktiver zur der Zeit.
Patzy: Elvis war noch am Leben…
Bodo: Genau! Na auf jeden Fall hatte ich nicht unbedingt Lust, ein Bild als Ergebnis dieser Residenz zu präsentieren. Aber eine Band zu erfinden, das war schon sehr viel geiler. Daniel und ich haben nach einer kurzen Findungsphase, neben vielen anderen Dingen, die uns in Salzburg eingefallen sind, drei Tage virtuell geprobt, um die Show zur Abschlussfeier vorzustellen. Die Party sollte in einer leerstehenden Salzburger Industriebrache stattfinden, die nach ungefähr 15 Minuten Spielzeit energisch von der Polizei gestürmt wurde. Uns war sofort klar, dass wir weitermachen müssen. Wir hatten anscheinend einen Nerv getroffen.
Patzy: Nur mal nebenbei gefragt: Wer sind die Leute hier?
Bodo: Das sind Freunde von mir aus der Schweiz. Elias vom Lustpoderosa Label aus Zürich. Er hatte mich 2017 in die Schweiz eigeladen, um ein Live Album aufzunehmen. Dafür wurde eigens eine Show organisiert. Noëlle hat das phantastische Artwork designed. Für mich war das Ganze ja ein Blind-Date und ziemlich aufregend. Die Beiden kannten mich oder besser gesagt meine Musik ja schon aus dem Netz.
Patzy: Was hat es mit dem freshen Bild auf dem freshen Cover eigentlich auf sich?
Noëlle: Ich habe mich tatsächlich von Bodo’s Kopf inspirieren lassen. Auf seinen DIY Demos ist ja auch ganz oft sein Kopf zu sehen bzw. verzerrte Photographien davon. So kam ich zum Motiv oder zumindest zu einer abstrakten Vorlage, die sich schnell zum Cover in seiner jetzigen Form weiterentwickelte. In Tessin kam dann noch die Schlupfwespe hinzu. Beziehungsweise kam sie Nachts bei Kerzenschein ins Zimmer geflogen, direkt in die Flamme und war tot – aber immer noch mega schön. Wir wollten sie irgendwie verewigen, und so haben wir mit der Wespe und der Grafik herumexperimentiert. Das Ergebnis findest Du auf dem Cover der Platte. Mir persönlich gefällt die Rückseite besser. Dort ist die Wespe seziert dargestellt. Alles sehr schlicht gehalten. <<lächelt>>

<<Himmel // Sonne // Vorhang >>