Reißig und Völker müssen reden (1)

Der Zukunft auf die Pelle rücken (vom Ende her gedacht)

Rising Reißig (Arzt, Produzent und Wirt) und Timm Völker (Musiker und Patient) sprechen fortan jeweils über das Thema der aktuellen Ausgabe. Sie bemühen sich stets darum, möglichst nah dran zu bleiben und gegen ihre Tendenz, Phantasmagorien zu bilden und sich treiben zu lassen, anzukämpfen. Wie gut ihnen das gelingt, entnehmen sie bitte folgendem Gesprächsausschnitt.


RR (Rising Reißig): Hallo Timm.
TV (Timm Völker): Hey Rising. Ich find‘s ja ganz gut, dass wir uns nach langer Zeit mal wieder treffen, um zu reden. Einfach zu reden, so wie wir das gemacht haben, als wir uns kennengelernt haben. Informelle Gespräche, die dann an Gewicht zunahmen, Sachen, die uns bewegen. Jetzt wird Standort West wieder reaktiviert, das Thema der Ausgabe ist „Zukunftspläne“. Und ich dachte, das könnte doch ein guter Grund sein, damit wir uns wieder treffen.
RR: Damit wir uns wieder was zu sagen haben.
TV: Und die Welt an unseren Gedanken Teil haben kann.
RR: Das zeugt aber auch ein bisschen von Größenwahn.
TV: Findest du?
RR: Ja.
TV: Das find ich aber interessant, dass du das sagst, der sich sonst nie gegen Größenwahn ausspricht.
RR: Aber nicht, wenn das dann im Internet und so steht. Dann muss ich mich ja zu meinem Größenwahn bekennen.
TV: Manchmal muss man sich zu seinem Wahn bekennen.
RR: Sowas kann ich ja in meinem Echoraum glauben, das kriegt keiner mit.
TV: Was ist der Echoraum?
RR: Das sagen doch immer alle, dass es Echoräume gibt, Filterblasen.
TV: Aber das Internet ist die Zukunft.
RR: So, jetzt raus aus der Filterblase. Du hast doch bestimmt ein paar Fragen formuliert.
TV: Mein Ansatzpunkt ist mein Rentenbescheid, den ich seit 5 Jahren in regelmäßigen Abständen bekomme. Da steht drin: „Im Jahr 2083 bekommen sie 58 Euro Regelrente“ und mich hat das Ganze überhaupt nicht tangiert. Aber seit ungefähr einem Jahr beginne ich mir über meine Zukunft Gedanken zu machen. Nicht mehr in dieser infantilen Weise wie vor 10 Jahren, als ich dachte, in 10 Jahren bin ich sowieso tot. Denn seitdem ich das sagte, sind 10 Jahre vergangen und ich lebe noch. Und ich denke, was mache ich da? Und komme mir irgendwie alt vor und ängstlich. Meine Frage an dich wäre: Warum ließ mich die Zukunft lange kalt und warum fängt sie an, mir auf die Pelle zu rücken?
RR: Das ist ja mal ´ne Frage!
TV: Was ist denn die Zukunft? Eigentlich ist sie doch etwas, was immer den gleichen Abstand zur
Gegenwart haben müsste. Sagen wir, konstant in 5 Jahren Entfernung zum Jetzt. Aber irgendwann,
so mein Gefühl, scheint sie näher zu rücken. Sie scheint also doch einen fester Punkt im Zeitgefüge sein.
RR: Ich würde erst mal gern einschieben, dass auf meinem Rentenbescheid ca. 1000 Euro pro Monat drauf stehen.
TV: Und das liegt woran?
RR: Weil ich zu meinem Erschrecken da schon 100.000 Euro eingezahlt habe.
TV: Weil du schon so viel gearbeitet hast im Gegensatz zu mir.
RR: Und ich in 15 Jahren in die Rente gehen kann.
TV: Herrlich.
RR: Herrlich! Aber das beantwortet die Frage nach der Zukunft nicht. Ich würde sagen, die Zukunft rückt einem dann auf die Pelle, wenn man sich über die Vergangenheit Gedanken macht. Eine Freundin von mir redete letztens mit ihrer Urgroßmutter. Die Urgroßmutter liegt im Bett und ist über 90 und sagte zu ihrer Urenkelin: „Sag mal Kind, wo ist denn eigentlich mein Leben hin?“ Und sie sagte: „Na, vielleicht hast du’s verlebt.“
Vielleicht ist das Leben auch eine Art Rente, ein Budget das man abstreicht. Vielleicht ist es wie mit dem Geld, das zwischen den Fingern durchrinnt. Und dann gibt es diesen Ausspruch: Leben ist zum leben da. Geld ist zum Ausgeben da.
TV: Die Zukunft ist also gar nicht eine Vision, die man vom Leben hat, sondern das Ende? Ich hielt die Zukunft immer für etwas Diffuses, etwas weit entferntes und ich weiß nicht, warum es auf einmal näher und näher rückt.
RR: Vielleicht bist du gerade in einer pseudo-religiösen Phase. Denn was du sagst, klingt nach Erlösung.
In der Zukunft wird alles gut. Als ich zwölf war, gab es in der DDR das Ritual, dass man seinen Ausweis bekam und mit 16 konnte man Bier in der Kneipe trinken und mit 18 war man volljährig. Und ich habe mich immer auf diese Daten gefreut, da passierte etwas. Da ist was. Da ändert sich noch mal was. Zukunft ist ein Versprechen und vielleicht spürst du gerade, dass dieses Versprechen gar nicht mehr da ist. Du bist 18, du hast einen Ausweis und jetzt musst du das selber machen.
TV: Die Zukunft selbst gestalten.
RR: Ich befürchte, ja. Das Problem könnte sein, die Zukunft zu seiner eigenen Zufriedenheit zu gestalten.
TV: Ob ich jemals zufrieden sein werde, bezweifle ich. Aber vielleicht ist das der Grund, warum man anfängt, Pläne zu machen und sich abzusichern. Um dann sagen zu können: Ich habe mein Leben verlebt. Was mir zum Beispiel gar nicht liegt.
RR: Ich finde den Gedanken eigentlich ganz schön, dazuliegen mit geborstener Leber und schroffer Haut und an sich runterzublicken und zu sagen: „Geil, ich hab mich richtig verlebt.“
TV: Ich kann mir genau so etwas nicht vorstellen. Ich werde doch nie so alt, um so etwas sagen zu können.
RR: Deine Zukunftsidee ist die Abwesenheit einer Perspektive. Und vielleicht verunsichert das ja zutiefst. Und dann bietet es sich natürlich an, sich einzubunkern in Rentenbescheide, Einfamilienhäuser
und Kinderwagen.
TV: Genau das habe ich vor. Vor allem in einer Kinderwagenburg werde ich mich einbunkern.
RR: Du weißt schon noch wie wir 1989 zusammen demonstriert haben damals in Halle? Wie ich dich aus deinem Kinderwagen genommen habe. Mit nichts als einer vollgekackten Stoffwindel am Leib hatte ich dich auf dem Arm und wir standen den Soldaten gegenüber. Wir haben uns unsere Zukunft erarbeitet.
TV: Damals stand auch noch das Denkmal „Fäuste der Zukunft“ auf dem Thälmannplatz.
RR: Vielleicht kommen wir aus einer Welt, die so optimistisch war. Diese Bündel von Fäusten aus Beton, dass sich nach oben reckt.
TV: Etwas, das mit Kraft der Zukunft entgegen tritt, oder besser schlägt.
RR: Die Zukunft ist ein Versprechen. Als wir damals Grenzen überschritten, fühlten wir uns frei und dachten alles ist möglich.
TV: Und jetzt sind alle frei und alles ist möglich. Die Zukunft ist da. Hat sie ihr Versprechen eingelöst?
RR: Natürlich nicht.
TV: Hast du dir dann wieder eine neue Zukunft entwickelt?
RR: Nein. Es hat sich aus dem NBL- Kneipen und Musikgedöns ergeben, dass ich das weitergemacht habe, was ich schon vorher tat. Ich sah meine Zukunft dann bei Konzerten und beim Biertrinken und daran hat sich bisher nicht viel geändert. Ich neige weiterhin dazu, mein Leben zu verleben.
Ich glaube die Idee einer Zukunft ist keine Vision sondern eine Illusion. Mit zunehmendem Alter wird man engstirniger, depressiver, ängstlicher wider besseres Wissen. Denn man könnte noch visionärer und freier werden, wenn man sich bewusst macht, dass sie Illusion ist.
TV: Das meinte ich, als ich eingangs vom immer gleichen Abstand der Zukunft zum Jetzt sprach.
RR: Es gibt die sogenannte Antizipation. Wir gehen durch ein Haus und öffnen Türen und gehen durch sie hindurch, weil wir die Vorstellung haben, hinter dieser Tür wird kein Abgrund mit Krokodilen oder Leoparden, sondern ein Fußboden sein. Das heißt, es ist uns möglich, für ein paar Sekunden in die Zukunft zu gucken, eine Idee der Zukunft zu haben. Ich habe Menschen beobachtet, die völlig dement sind. Die zogen sich durch diese Türen, als ob sie auf dem Mount
Everest wären, weil sie keine Idee hatten, was hinter der Tür war.
Und vielleicht sind die Dementen die wirklich Zukunftsgläubigen, weil sie zulassen, dass die Zukunft völlig unwägbar und undurchschaubar ist. Und das macht das Leben auf eine Art viel freier, als wenn du weißt, dass da ein Fußboden sein muss. Es könnte sein, dass die Idee von Zukunft an sich für die Idee der Zukunft nicht zielführend ist. Zukunft zu planen ist eigentlich ein Paradoxon.
TV: Deshalb frage ich mich, warum ich diese Rentenbescheide bekomme.
RR: Weil du in einer Gesellschaft lebst, deren Grundkonsens es ist, dass die Zukunft planbar sein muss. Und ein länger währender Kritikpunkt an solchen bürgerlichen Gesellschaftsformen ist, dass die Menschen über der ständigen Planerei und Grübelei vergessen, in der Gegenwart zu leben. Die Gegenwart ist immer auch ein bisschen Zukunft und das ist wesentlich interessanter.
TV: Gegenwart ist Gegenwart, oder?
RR: Wenn du Gitarre spielst, hast du doch immer eine Idee vom nächsten Ton, den du spielen willst. Du schlägst die Saiten an und hast unterbewusst eine Idee und so entsteht eine Melodie und ein Groove.
Die Idee der Zukunft wird zu einem Teil der Gegenwart. Und so kannst du dich von Sekunde zu Sekunde in die – wie auch immer geartete – Zukunft mit deiner Vergangenheit und Gegenwart reinhangeln. Wie ein Affe, der sich von Liane zu Liane durch den Urwald schwingt und immer nur nach der nächsten Liane schaut, ohne sich zu fragen, was hinter dem Wald ist. Das Problem ist natürlich, wenn der Wald irgendwann aufhört und keine Liane mehr kommt.
TV: Darüber kann ich mir ja aber Gedanken machen, wenn es soweit ist. (…)

Den vollständigen Videomitschnitt des Gesprächs könnt Ihr demnächst auf der Homepage des Standort-West finden.
Weiterführende TV-Gedanken auf hallohoelle.blogspot.de

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