So offen wie möglich

Ein Gespräch von Standort West (STW) mit Konrad Jackisch (K) auf der Baustelle des NBL-Eckladens kurz vor der Eröffnung.

Lange Zeit bedeckte Baufolie die Fenster des Ladens an der Ecke Merse/Karl-Heine. Wer öfter vorbei kam, sah wie sehnige junge Arbeiter große Mengen Bauschutt heraustrugen und Stahlträger auf blanken Schultern hinein wuchteten. Was sie dort bauen und wozu, das wusste lange niemand. Ab September eröffnet dort das Foyer und die kleine Bühne der neuen Kultureinheit des Noch Besser Leben.
Konrad ist einer der Arbeiter und Mit-Erdenker des Eckladens. Ein gebürtiger Leipziger, Anfang 20, entschlossen und in sich ruhend. Seine Gesichtszüge haben Ähnlichkeit mit denen des amtierenden französischen Präsidenten. Er ist Musiker in verschiedenen Bands, Mitbetreiber eines Studios und kommt gerade vom „Keine Fische Aber Grethen Festival“ zurück, zu dessen Organisationsteam (die Grethen-Crew) er gehört. Im Interview spricht er über das Projekt Eckladen, dessen Realisierung und Selbstverwirklichung in liberalen Zeiten.

STW: Wie kamst du ins NBL und zum Bauprojekt Eckladen?
K: Ich hab mit 18 angefangen auf einer Baustelle zu arbeiten und hatte nach 3 Jahren überhaupt keinen Bock mehr. Ich lief über die Karl-Heine-Straße, die ich damals noch gar nicht gut kannte und bin ins Noch Besser Leben rein gestolpert, weil ich mal wieder an einer Bar arbeiten wollte. Das kannte ich vom „Keine Fische Aber Grethen Festival“ und da hat mir das total Spaß gemacht. Ich hab dann den Barkeeper angesprochen, der meinte: „Frag doch mal den Chef. Der sitzt hier grad am Tresen.“ Und so hab ich Olaf kennengelernt. An der Bar wurde keiner gebraucht, aber er meinte wortwörtlich, wenn ich weiß, wie man einen Hammer benutzt, kann ich hier gerne anfangen, auf einer Baustelle zu arbeiten. Und dann war ich doch wieder auf dem Bau. Damals ging es vor allem darum, die Pensionsräume herzurichten. Und dann fing die Sache mit dem Eckladen an: Entkernen, Boden raus, Decke raus, alles raus und jetzt stehen wir kurz vor dem Abschluss.

STW: Wie funktioniert so eine Baustelle in Eigenregie?
K: Ganz viel kommt da von Olaf, der ziemlich schlau ist und viel Erfahrung im Bau und Ausbau von Bars hat. Aber auch sehr viel gemeinsames trial and error. Man kann und muss ganz viel ausprobieren und lernen. Zum Beispiel die Sache mit den Stahlträgern für die Decke. Da waren wir alle völlig überfordert und brauchten erst mal eine Weile, um uns zusammen ein System zu überlegen, wie wir die da hoch bringen können. Wir, das bedeutet in diesem Falle neben Olaf vor allem Derxon mit dem ich das zusammen mache und auch Felix, der sich um die Inneneinrichtung gekümmert hat und uns damit sehr unterstützt hat. David hilft uns beim Lichtkonzept. Nicht zu vergessen Elektro-Jürgen. Es ist auf jeden Fall eine kollektive Sache.

STW: Was erwartet uns im Eckladen und der neuen Kultureinheit mit dem Salon?
K: In erster Linie ist der Eckladen das Foyer des Salons vom NBL, soll aber in Zukunft auch mit eigenen Veranstaltungen bespielt werden. Hier wird die Grethen-Crew mitgestalten. Ichwürde mir wünschen, dass der Laden auch eine gewisse Eigenständigkeit entwickelt. Aber das wird sich zeigen und eingrooven. Wie genau, kann ich jetzt noch nicht sagen. Darüber bin auch ganz froh, sonst wär‘s ein bisschen langweilig.

Konrad führt mich durch den Laden. Durch die großen Fenster und die Farbgebung ist der Raum unerwartet hell. Die Wände sind weiß, die unteren Segmente schwarz abgesetzt und von hellen Linien durchzogen. Die Decke wird von zwei mächtigen unbearbeiteten Stahlträgern durchkreuzt. Es gibt eine Bühne, welche auch für Lesungen und Performances genutzt werden soll, auf der Fritz-Hansen-Stühle und Tische aus Holz stehen. Wir laufen über aufgearbeitetes Parkett, das aus einer alten Turnhalle stammt. Im hinteren Bereich befindet sich die kleine Bar. Rechts davon führt eine solide Treppe aus Stahl mit massiven Holzstufen vorbei an einem großen runden, in Metall gefassten teils oxydiertem Spiegel und hinauf in den Salon. Man geht hier durch eine Art ästhetische Schleuse. Aus der schlichten etwas schroffen Offenheit des Eckladens hinein in den dunklen von Holz und Samt bestimmten Konzert-Salon des Noch Besser Leben.
Dort angekommen, drückt Konrad einen Knopf an einem Pult und der gesamte Salon schimmert in einem warmen Gold-Orange. Als er einen weiteren Knopf betätigt, wird der Raum in ein tiefes Blau getaucht, der Kronleuchter flackert mal hektisch, mal sanft und die in den Fensternischen verteilten Stehlampen pulsieren. Möglich ist dies durch ein neues Lichtsystem, finanziert mit Fördermitteln und der Hilfe von Unterstützern. Neben der bereits seit geraumer Zeit vorhandenen neuen PA können Konzerte durch vielerlei Technik zukünftig noch intensiver erlebt werden, ohne dass der intime Charme des Salons verloren geht. So ist der Plan.

STW: Worin besteht für dich der Reiz an einem Projekt wie dem Eckladen – Foyer?
K: Angefangen hat das alles mit „Ich brauch Geld, einen Job und muss meine Miete zahlen“. Das führte dazu, dass ich ins Noch Besser Leben gekommen bin. Ich habe bemerkt, nach kurzer Zeit, dass nicht nur die Strukturen, sondern auch die Menschen hier so offen sind, dass man ganz schnell ein Teil davon werden kann. Emotional und auf einer idealistischen Ebene. Man kann an eine Idee glauben, die man gemeinsam verwirklichen kann.

STW: Hast du aus der Erfahrung, eigene Projekte zu realisieren, das Gefühl, dass du deine Zukunft selbst bestimmen kannst?
K: Ja, auf jeden Fall. Aber alle Projekte, an denen ich bisher beteiligt war, z.B. der Ausbau meines Studios, die Grethen Crew und das Festival, das wir organisieren oder auch jetzt meine Arbeit im NBL sind organisch gewachsen. Natürlich guckt man sich das am Ende an und denkt sich, das ist das was ich mir gewünscht hab. Aber so viel wünsche mir gar nicht. Es passiert einfach. Ich habe ein Grundbedürfnis Musik zu machen, gute Parties und zu arbeiten. Und das gestalte ich mir so schön, wie es geht und bisher hatte ich da einfach ziemlich viel Glück.

STW: Fühlst du dich unter Druck gesetzt durch eine Gesellschaft, die verlangt, sich selbst möglichst erfolgreich zu verwirklichen?
K: Nö. Natürlich möchte ich, dass die Dinge, die ich anfange, erfolgreich enden. Aber ich glaube, gesellschaftlich definierter Erfolg, ist ein anderer als der, den ich mir vorstelle. Ich hab nicht viel Geld und kann mir nicht alles kaufen, was ich haben will, aber bin ziemlich zufrieden mit dem, was ich mache. Und das ist für mich Erfolg und das wonach ich weiterhin streben will.

STW: Trägt man, ob in einer Gruppe oder als Individuum unter dem Zeichen der „Selbstbestimmung“ zum Erhalt einer wirtschaftsliberalen Gesellschaft bei, obwohl man das vielleicht gar nicht will?
K: Ja, na klar. Ich glaube, es entstehen ganz viele Nebenräume, die aber trotzdem Teil dieses wirtschaftsorientierten Konstruktes sind. Man schafft vor allem Orte, wo dieses Prinzip keine so große Rolle spielen sollte. Wo die Menschen hingehen und bereitwillig ihr Geld ausgeben können, das sie auch unter Stress und den blöden Bedingungen, die dieses wirtschaftsliberale System ausmachen, verdient haben. Aber zumindest habe sie dort die Möglichkeit, zu sehen, dass es auch anders geht.

STW: Keine Zersetzung des Systems von innen?
K: Das Perfide an diesem System ist, dass es alles schluckt. So kritisch und frei man sich bewegen kann, am Ende trägt man doch dazu bei, das es existiert. Sich darüber im Klaren zu sein, verurteilt einen nicht zum Aufgeben. Es ist gerade dann wichtig, sich mit so einer Idee wie dem NBL, das auf der Karl-Heine inzwischen wirkt, wie ein „Klein-Gallien“ – dem Sog entgegenzustellen.

STW: Siehst du also einen Weg?
K: Auf jeden Fall. Ich hatte es ja anfangs beschrieben. Wenn man sich normalerweise irgendwo bewirbt, soll man sich ja was Schickes anziehen und versuchen, sich so gut wie möglich zu verkaufen. Und ich bin halt in die Bar gerammelt mit drei Bier intus und hab Olaf gefragt, ob ich hier arbeiten kann und er hat „ja“ gesagt und es läuft immer noch so. Einfach fragen und zusammen etwas schaffen. Ähnlich machen wir es auch bei der Grethen-Crew. So offen wie möglich sein und es gemeinsam anders probieren.

Eröffnung Eckladen – Foyer am Samstag, 01.09. 2018, um 20Uhr mit feierlicher Rede durch den Kult-Gastronomen Olaf Walter (NBL). Darauffolgend Konzert von Timm Völker (Trocadero Records – Rhythm & Blues aus Halle ) und anschließender Aftershowparty mit dem Grethen-DJ-Team Freikörperkultur. Von nun an täglich geöffnet ab 19 Uhr.
Der neue Eckladen des NBL bildet in Kombination mit dem Salon die neue kulturelle Einheit des Noch Besser Lebens.

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