Neologismus

Wer bist Du?

von Sven Glatzmeier

Was bedeutest Du mir? Kann ich Dich denken? Könnte ich prinzipiell aufhören, an Dich zu denken? Durch schlichte (!) Erkenntnis? (oder ist die Armada von unerfüllenden Add-ons genug, um jegliche Power abzutöten?) Hört auch ein Ich irgendwo auf & an welcher Stelle könnte ein jemand dann etwas Geahntes verorten? Zwischen den Polaritäten, zwischen Himmel & Erde, zwischen Lüge & Vermutung. Ich halte mir die flache Hand schützend an die Stirn, die heiße, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Um zu scannen, um Ausschau zu halten. Im Ausguck. Oben.

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Kein Ort Nirgends

Joggen

von Timm Völker

Das Unheil begann am 11.12.2016, als der Vater mir sagte, ich solle etwas für meinen bald verfallenden Körper tun. Vier Monate später fing ich an, regelmäßig zu joggen. Es soll gegen tiefe Stimmung helfen und den Kopf frei machen.
Dass es bei mir zu ganz anderen Ergebnissen führte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

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Reissig und Völker müssen reden (12)

Alles soll am Ende sein

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe kehrten Rising Reißig (Arzt) und Timm Völker (Patient) in den Salon des Noch Besser Lebens zurück. Hier begann vor einem Jahr ihre erotische Reise. Seitdem lassen sie die Leserinnen und Leser teilhaben an Konversation über DDR, Kapital, Fortpflanzung, Fäkalien und den unerschütterlichen Glauben an die aufgeklärte Welt. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchten RR und TV auch diesmal am Thema der Ausgabe dran zu bleiben und gegen den inneren Drang, Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

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2020

Für Y.S.

von D. H. Elle

„Turbo buchen möglich!“, sagt eine Kinderstimme. Es ist das Jahr 2020. Ich habe endlich aufgehört, zu träumen. Ich verdiene jetzt Geld. Wie die anderen. „Turbo buchen möglich!“, sagen sie. Sagt die Kinderstimme, wenn endlich wieder 0 im Guthabenfeld steht und man gehen kann. Oder wieder anfangen. Warum Kinderstimme. Mir wird schlecht. „Turbo buchen möglich!“, ruft sie aus dem Keller. „Wie schreibt man Turbo buchen, zusammen oder getrennt?“, frage ich die Spielothekenfachkraft „Sabine“ um mich abzulenken. „Ohne Anführungsstriche, bitte. Ich heiße wirklich Sabine.“ Sabine trägt eine schöne Uniform. Ihre Mahagonifarbenen Haare machen ihre Haut noch sauerstoffärmer. Sabine ist echt. Sie hat einen Sohn in Berlin. Sie sagt, sie nimmt mich mal mit. Weil ich zeige, dass ich auch echt bin. Ich sage: „Ich habe einen Bumsfreund in Berlin.“ Sie lacht. Sie teilt eine Sorge: „Das musst du dir mal reinziehen. Ich bezahle 2000 Euro für meine Heizung im Monat. Kann das sein?“ Ich habe doch keine Zeit, Sabine. „Machst du mir noch dreißig?“ „2000 Euro. Das kann doch nicht sein.“ Ich habe keine Zeit zu antworten. Die Sirenen rufen. Es ist das Jahr 2020. Ein gutes Jahr für alleinstehende Damen.

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Keine Angst vor Trümmern

Wir werden ein gelungenes Leben gelebt haben

von Michael Fürch

Nenne mich Ismael. Oder Helga. Oder Satoru. Namen haben keine Bedeutung mehr. Jetzt ist die Zeit. Es ist der 28. August 2033. Vor genau 70 Jahren hielt Dr. Martin Luther King beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit vor mehr als 250.000 Menschen am Lincoln Memorial in Washington, D.C. (ehem. USA) eine Rede, die diesen Satz enthielt: »Now is the time.« Die rhetorisch brillante Schlusssequenz beginnt mit den Worten »I have a dream« und endet mit »Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we are free at last!« Gott ist lange schon tot und Religion obsolet – dennoch: »free«, also freie Menschen, das sind wir nun. Endlich. Und zuhause angekommen.

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Future Mathe

Von Würfeln, Zeitschleifen und dem absoluten Standpunkt des Betrachters

von Patrice Lipeb

kleines Raumschiff treibt verloren in den Gestaden der Trunksucht. Ich schiebe Wache. Alle Mann unter Deck, Kapitän Ahab betritt die Brücke. Die Ratten haben das Schiff schon längst verlassen. Rauchschwaden züngeln unter schummrigem Licht. Leise klopft der Herbst an die Tür. Vor mir die letzten Gäste. Windschiefe Gestalten, Koksnasen und arme Säufer, allesamt auf der Suche nach ich weiß nicht wonach. Am Ende des Abends ist es egal, woher wir kommen. Am Ende ist das ganz egal! Wir bilden eine Schicksalsgemeinschaft aus Gestrandeten – jeder klammert sich ganz für sich allein an seine kleine Scholle Dreck in einem großen, weiten Ozean aus Einsamkeit und Nichts. Wir sind Gestrandete! Und wie Gestrandete teilen wir miteinander die letzten Habseligkeiten, die uns noch geblieben sind – unsere Erinnerungen.

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