Amor Fati. oder: die Liebe zum Notwendigen & Unausweichlichen.

von Sven Glatzmaier

Stichwort: Standort West.
Plagwitz, in einer Seitenstraße der Karl-Heine Straße in der Nähe zum Kanal. Ein Auto, wohl im Auftrag von “Google Street View”, gleitet (schon fast) geräuschlos an meiner Aufmerksamkeit vorbei. Pssssssssssssssssssssst . . . ! Der Fahrer hantiert während der Fahrt geschäftigst an seinem Smartphone. Wohngebiet? Rechts vor links (wir befinden uns ja schließlich in Sachsen)? Egal… bestimmt unabdingbar, das Hantieren an diesem Ding, an dieser scheinbar so  unabdingbaren Monstrosität! Das Fahrzeug ist ausgestattet mit einer 360°Hightech-Kamera, die auf dem Dach des Vehikels an einer Art Stativ angebracht ist und welche aufgrund ihrer schieren Proportion superstrange wirkt. drollig/unbeholfen/bedrohlich/beknackt. Absurd wie eine, immer wieder von H.P. Lovecraft beschriebene, unmögliche Architektur… Die Kamera steht auf mehreren massiven, blitzblanken Beinen. Die dreibeinigen Herrscher*innen. Ich versuchte lediglich stille, freie Gedanken aus mir zu generieren. (beobachten) Pssssssssssssssssssssst . . . !

Amor Fati. oder: die Liebe zum Notwendigen & Unausweichlichen. weiterlesen

Reißig und Völker müssen reden (14)

Jäger-E und die schöne Armee

Für diese Ausgabe der Konversationsreihe von Rising Reißig (Arzt) und Timm Völker (Patient) greifen wir auf die Mitschrift einer historischen  Radioübertragung des Radio Lindenow aus dem Jahre 2019 zurück. In einer sowjetischen Provinz. Ein grauer Himmel dämmert über dem Permafrostboden. In einer Hütte auf einem kleinen Holztisch steht ein Bilderrahmen mit einer Reproduktion des Bildes „Heiliger Rising, den stoffgewindelten TV auf dem Arm tragend, vor den Fäusten der Zukunft, Anno 1989“. Neben dem Bilderrahmen steht ein Radioempfangsgerät.

Reißig und Völker müssen reden (14) weiterlesen

Betonburg

von Alex Röser

Während sich auch die letzten Idealisten so langsam an den Supermarkt im Westwerk gewöhnen und sich Christoph Gröner an der Seite von Didi Mateschitz schon lange in den Herzen der Leipziger Fußballfans festgespielt hat, scheinen alle Messen in den Freiräumen des Leipziger Westens gesungen.
Dass dem noch nicht so ist, zeigt der Betonkiste e.V.

Betonburg weiterlesen

Die letzte Bastion der Freiheit

Mikael Eriksson singt und erzählt mit seinem Späti-Orchester von der Wende-Zeit in Ost-Berlin.

In einer Mischung aus Spoken Word und Blues-Songs dokumentiert der schwedische Künstler Mikael Eriksson in seiner Performance “Songs From A Späti” die Veränderungen des Nach-Wende-Berlins und die Situation des verschwindenden und abgehängten Proletariats, wie er es zwischen 1990 und 1999 selbst erlebt hat. Am 8.11. wird er im NBL gemeinsam mit dem „Späti-Orchester“ dem Publikum die tragikomischen trotzigen Stories und Erlebnisse seiner Figuren auf berührende und persönliche Weise nähern bringen.

Die letzte Bastion der Freiheit weiterlesen

Abzeitz vom Westen _1

von Michael Schweßinger

Nach Zeitz. Da müssen Sie ja von dort kommen, sonst zieht man ja doch nicht nach Zeitz“, meinte der Mensch von der Hausverwaltung, als ich bei der Wohnungsübergabe in Lindenau meine neue Adresse angab. Dass die Wohnung eine Woche später auf den gängigen Immobilienportalen mit 15 qm mehr ausgewiesen wurde als zu meinem Einzugstermin 2009, passte ins unrühmliche Leipziger Bild des Jahres 2019. „Zeitz, wer zum Teufel zieht nach Zeitz? Da liegt doch der Hund begraben“, meinte der Möbelpacker, nur, um mir wenig später stolz zu berichten, dass er letztes Jahr in die Weltmetropole Eilenburg gezogen war. Zeitz, so scheint es, hat nicht den besten Ruf und manchen Menschen muss man erstmal erklären, wo Zeitz überhaupt liegt und außerhalb der Leipziger Blasen ist es ja bekanntlich gefährlich im Osten. Die Grenzen wie immer im Kopf.

Abzeitz vom Westen _1 weiterlesen

The comfort of strangers

Hübsch herbstlich getönte Hoffnungsschimmer

von Michael Fürch

Es gibt Tage, die sind rund – sie verlaufen harmonisch, beginnen leise, haben einen oder mehrere Höhepunkte, klingen sanft und friedlich aus. Und es gibt Tage, die sind eckig – irgendwann läuft es in eine unerwartete Richtung, mit meist unangenehmen Wendungen, zurück bleibt ein Gefühl der Erleichterung, wenn sie vorbei sind. Aber es gibt auch Tage, die sind derart paradox, dass man Schwierigkeiten hat, die vergangenen 24 Stunden als ein Kontinuum zu begreifen, weil der Gesamtverlauf keinen Sinn ergibt und sich jeder Einordnung entzieht. Wie dieser, zum Beispiel.

The comfort of strangers weiterlesen